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Es war ein kalter Februarabend im Hennefer Stadion, aber auf dem Platz kochte es. 24.741 Zuschauer sahen ein Spiel, das eher an einen Boxkampf erinnerte, bei dem beide Kontrahenten nach Punkten gewinnen wollten - und sich am Ende gegenseitig neutralisierten. SC Hennef und der VfL Osnabrück trennten sich leistungsgerecht 1:1 (0:0). Die einen wollten Fußball spielen, die anderen Tore schießen - und beides klappte nur bedingt. Osnabrück kam mit einer Offensiveinstellung, die an Kamikaze erinnerte: 22 Torschüsse, davon gefühlt 20 direkt aus der Drehung oder vom Parkplatz nebenan. "Wir wollten früh Druck machen", erklärte Trainer Carsten Baumann hinterher. "Dass der Ball aber ständig auf Angelo Venditti zufliegt, war nicht der Plan." Der Hennefer Keeper hatte einen dieser Abende, an denen man ihm auch einen Ziegelstein hätte hinschmeißen können - er hätte ihn gefangen. Trotz 55 Prozent Ballbesitz tat sich Hennef im ersten Durchgang schwer. Giovanni Diacos Team kombinierte gefällig durch die Mitte, verlor aber regelmäßig in der Nähe des Strafraums die Orientierung. Ivica Dukic versuchte es aus 25 Metern (25.), der Ball segelte über das Fangnetz. "Ich hab den Wind falsch eingeschätzt", grinste der 33-Jährige später. "Oder der Wind mich." Osnabrück dagegen spielte mit offenem Visier. Vorne wirbelte Benjamin Heuer, als gäbe es eine Prämie für Schüsse ins Nirgendwo. In der 8. Minute parierte Venditti gegen Oliver Wilhelm glänzend, in der 23. rauschte Heuers Versuch knapp vorbei. "Wir hätten da schon führen müssen", knurrte Baumann. "Aber unsere Schüsse hatten heute mehr Richtung als Ziel." Die zweite Hälfte begann, wie die erste endete: Osnabrück drückte, Hennef hielt dagegen. In der 51. Minute war es dann so weit - und ausgerechnet ein Verteidiger brachte Bewegung ins Spiel. Thomas Scholz, sonst eher bekannt für solide Grätschen als für filigrane Abschlüsse, drosch den Ball nach Vorarbeit von Gustav Greiner aus halbrechter Position ins Netz. 1:0 für Osnabrück, und Scholz riss die Arme hoch, als hätte er gerade den Pokal gewonnen. "Ich wollte eigentlich flanken", gab er später zu, "aber ich sag jetzt einfach: War Absicht." Hennef wackelte, fiel aber nicht. In der 57. Minute sah Jonathan Maes Gelb, weil er den schnellen Heuer nur noch mit dem Trikot halten konnte. Diaco tobte an der Seitenlinie, und als in der 68. Minute Lajos Koplarovics nach einem harten Zweikampf verletzt rausmusste, schien das Spiel endgültig zu kippen. Doch Fußball schreibt seine eigenen Gleichungen: Lucas Marceau kam rein, und plötzlich ging Hennef über die Flügel. In der 70. Minute dann die Erlösung: Michel Mingo flankte butterweich von links, und John Lockhart, der 21-jährige Wirbelwind aus Irland, stieg höher als alle anderen und köpfte zum 1:1 ein. "Ich hab einfach die Augen zugemacht und gehofft, dass er reingeht", lachte Lockhart. "Hat geklappt - also mach ich das jetzt öfter." Das Stadion bebte. Diaco rannte die Seitenlinie entlang, als wolle er selbst noch eingewechselt werden. "Die Jungs haben’s verdient", keuchte er nach Abpfiff. "Wir waren tot, und dann kam John." Osnabrück versuchte es nochmal mit Wut im Bauch. Dirk Mai sah Gelb nach rustikalem Einsteigen (68.), Benjamin Heuer schoss in der 74. und 75. Minute zweimal knapp vorbei, und in der Nachspielzeit drosch Klaus Kirchner den Ball so weit über das Tor, dass ein Fan in der 17. Reihe ihn als Souvenir behielt. "Wenn der reingeht, reden wir von einem Jahrhunderttor", kommentierte Baumann trocken. "So reden wir von einem Jahrhundertwurf." Am Ende blieb es beim 1:1, das keinem so richtig schmeckte, aber auch keiner als ungerecht empfand. Osnabrück hatte mehr Chancen, Hennef mehr Ballbesitz - ein Patt der etwas anderen Sorte. "Das war kein Leckerbissen", gab Diaco zu. "Aber wenigstens hat keiner eingeschlafen, auch wenn’s zwischendurch so aussah." Baumann nickte nur und meinte: "Wir nehmen den Punkt, aber meine Jungs dürfen morgen auf dem Trainingsplatz mal das Tor suchen. Vielleicht finden sie’s ja wieder." Und so trennten sich zwei Mannschaften, die viel wollten und wenig bekamen. Das Publikum applaudierte trotzdem - vielleicht aus Erleichterung, dass bei 22 Osnabrücker Schüssen keiner mehr reinging. Kleine Randnotiz: Der Ballbesitz von 55 Prozent für Hennef wirkte am Ende wie ein Trostpreis, aber wenigstens ein verdienter. Wer so viel läuft und kämpft, darf am Ende auch mal lächeln. Und so ging ein kalter Abend mit warmem Applaus zu Ende - und mit dem Gefühl, dass 1:1 manchmal gerechter ist, als es klingt. 19.11.643990 16:01 |
Sprücheklopfer
Gegen uns hätten wir auch gewonnen.
Klaus Allofs