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Manchmal fühlt sich ein Unentschieden an wie eine Niederlage - und manchmal wie eine gelungene Flucht. Nach 90 intensiven Minuten im prall gefüllten Hafenstadion (38.824 Zuschauer!) endete die Partie zwischen dem FC Kreuzlingen und Blau-Weiss Luzern mit einem 2:2. Ein Ergebnis, das beiden Trainern Anlass zu langen, philosophischen Gesprächen über verpasste Chancen und mentale Widerstandskraft geben dürfte. "Wir hätten das Ding einfach zumachen müssen", knurrte Kreuzlingens Trainer Matthias Kaiser nach dem Spiel, während sein Gegenüber Reinhard Wild ein Grinsen kaum verbergen konnte: "Am Ende zählt, dass wir gezeigt haben, dass wir nie aufgeben - auch wenn wir manchmal ein bisschen spät aufwachen." Dabei begann der Abend für die Gastgeber so, wie ihn sich Kaiser wohl in seiner Taktikmappe ausgemalt hatte: offensiv, strukturiert, selbstbewusst. Bereits in der 14. Minute zappelte der Ball im Netz. Der erst 18-jährige Günther Frey, Kreuzlingens Sturmhoffnung mit Babyface und Killerinstinkt, traf nach feiner Vorarbeit von Sebastien Trottier zum 1:0. "Ich hab einfach draufgehalten", sagte Frey später bescheiden - und grinste dabei so, dass man ihm glauben wollte. Kreuzlingen blieb am Drücker und ließ Luzern kaum Luft zum Atmen. Fabio Carracedo wirbelte über links, Luís Ramallo prüfte den Keeper, und in der 38. Minute kam der Moment des Rechtsverteidigers Xabi Valente: Nach einem Doppelpass mit Carracedo zog er einfach mal ab - und der Ball schlug unhaltbar im Winkel ein. 2:0, die Tribünen bebten, Trainer Kaiser ballte die Faust, und der Stadionsprecher brüllte so enthusiastisch, dass selbst der Linienrichter kurz zusammenzuckte. Doch Kreuzlingen wäre nicht Kreuzlingen, wenn sie es einfach souverän zu Ende bringen würden. Nur drei Minuten später nutzte Luzern die erste echte Lücke in der Abwehr. Robert Mantovani behauptete den Ball im Strafraum, legte quer, und Piotr Chawanow vollendete zum 2:1-Anschluss. "Da haben wir einmal gepennt, und zack - wieder Spannung", kommentierte Valente trocken. Zur Pause stand es 2:1, und die Statistik sprach eigentlich für die Gastgeber: 52 Prozent Ballbesitz, acht Abschlüsse, zwei Tore. Doch Luzern hatte mit 14 Schüssen bereits gezeigt, dass sie nur auf ihre Chance lauerten. Nach dem Seitenwechsel änderte sich das Bild. Luzern kam aggressiver aus der Kabine, während Kreuzlingen plötzlich wirkte, als hätten sie in der Halbzeit Kamillentee statt Elektrolytgetränke bekommen. In der 55. Minute folgte die Quittung: Mantovani legte erneut mustergültig auf, und Roger Römer schlenzte den Ball aus halblinker Position zum 2:2 ins lange Eck. "Ich hab den Wind gespürt - und einfach vertraut", sagte Römer hinterher und lachte. Danach wogte das Spiel hin und her. Kreuzlingen wechselte - Doreste, Cabell und Pelegrin kamen in der 60. Minute, um "frischen Wind" zu bringen, wie Coach Kaiser erklärte. Was folgte, war allerdings eher ein laues Lüftchen. Luzern blieb gefährlich, vor allem über die Flügel. Chawanow prüfte Torhüter Chalbinski mehrfach, und der junge Henri Diarra, eingewechselt in der 77. Minute, sorgte kurz vor Schluss noch für kollektives Herzrasen auf der Kreuzlinger Bank. Zwei Gelbe Karten auf Seiten der Gastgeber (Trottier 29., Üzülmez 53.) und eine bei Luzern (Wendt 10.) zeigten, dass das Spiel körperlich, aber fair blieb. "Das war kein Ballet, aber immerhin blieb keiner liegen und hat sich das Knie gehalten, weil der Rasen ihn schief angeschaut hat", meinte ein Zuschauer lachend auf der Tribüne - ein Satz, den man sich glatt auf ein T-Shirt drucken könnte. Als Schiedsrichter Steiner nach 94 Minuten abpfiff, sackten beide Mannschaften in sich zusammen - die einen erleichtert, die anderen enttäuscht. "Ein gerechtes Ergebnis", meinte Luzerns Trainer Wild, "aber ich glaube, Kreuzlingen sieht das anders." In der Tat: Der FC Kreuzlingen hatte es in der Hand, den dritten Saisonsieg einzufahren, ließ jedoch die Entschlossenheit der ersten Halbzeit vermissen. Blau-Weiss Luzern dagegen bewies Moral, taktische Disziplin und ein Händchen für den richtigen Moment. Am Ende bleibt ein 2:2, das in keiner Statistik die Emotionen dieser 90 Minuten widerspiegeln kann - ein Spiel voller Tempo, jugendlicher Energie und dieser kleinen Prise Chaos, die den Fußball so herrlich menschlich macht. Oder, wie Kreuzlingens Kapitän Rui Bischoff es beim Hinausgehen formulierte: "Wir haben zwei Punkte verloren - aber wenigstens nicht den Humor." 16.12.643993 11:01 |
Sprücheklopfer
Mit David Odonkor will ich mich dennoch nicht messen. Fußball ist nicht nur rennen, da ist auch der Ball dabei. Und es ist wichtig, dass man den trifft.
Michael Ballack