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Ein lauer Abend in Uruguay, 37.350 Zuschauer im Estadio Cerrense, und zwei Teams, die sich nichts schenken wollten. Am Ende stand ein 1:1, das beiden vielleicht zu wenig war, aber keinem ganz gehörte. CD Cerrense und Sud America trennten sich am 4. Spieltag der "1. Liga Uruguay" nach 90 intensiven Minuten mit einem Ergebnis, das so gerecht war, wie ein Fußballspiel nur sein kann - und doch keiner Seite schmeckte. Von Beginn an war klar: Das hier würde kein laues Ballgeschiebe werden. Schon in der 6. Minute prüfte Sud Americas junger Rechtsaußen Miguel Zapatero den Cerrense-Keeper Joseba Mendes mit einem Schuss, der so scharf war, dass einige Fans in der dritten Reihe reflexartig den Kopf einzogen. "Ich wollte ihm zeigen, dass wir da sind", sagte Zapatero später und grinste dabei so breit, dass man ihm fast glauben konnte, er habe das absichtlich gemacht, um die Fotografen wachzuhalten. Doch Cerrense hatte eine Antwort parat - in Gestalt von Christian Petrizzi, dem 30-jährigen Mittelfeldmotor, der an diesem Abend die Fäden zog. Nach einigen zaghaften Versuchen fasste er sich in der 32. Minute ein Herz und drosch den Ball nach Vorarbeit von Innenverteidiger Alejandro Xuarez humorlos in die Maschen. 1:0 für Cerrense, die Tribüne bebte, und Trainer Leahcim Gnipeur ballte die Faust, als hätte er gerade persönlich gewonnen. "Das war ein Schuss wie aus dem Lehrbuch - und zwar aus dem Kapitel: Mach’s einfach selbst", sagte er später mit einem Augenzwinkern. Sud America ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken. Trainer Wilhelm Reich, eine Mischung aus Fußballprofessor und Philosoph, brüllte keine Anweisungen - er gestikulierte sie. "Ich glaube, meine Spieler verstehen mich auch ohne Worte", sagte er nach der Partie, was man ihm auch glauben mochte, wenn man sah, wie seine Elf in der zweiten Halbzeit das Kommando übernahm. Nach der Pause kam Cerrense mit mehr Einsatz aus der Kabine - laut Statistik sogar mit "starker Aggressivität", was in der Praxis bedeutete: mehr Grätschen, weniger Schönheit. Linksverteidiger Hans Jakobsen kassierte in der 69. Minute Gelb, nachdem er Sud Americas Flügelspieler Carl Tiago unsanft an die Werbebande begleitet hatte. "Ich wollte nur den Ball treffen. Leider war er nicht da", murmelte Jakobsen später entschuldigend. Sud America erhöhte nun den Druck. Der junge Mittelstürmer Mario Alvar hatte in der 76., 77. und 80. Minute gleich drei gute Chancen, bevor er schließlich beim vierten Versuch traf - diesmal war die Vorlage von Nael Pacos perfekt getimt, und Alvar schob den Ball cool an Mendes vorbei. 1:1, und die 21 Jahre des Angreifers schienen plötzlich 30 an Erfahrung wert. "Ich wusste, dass er irgendwann reingeht", sagte Alvar. "Ich hatte ja genug geübt." Das Publikum bekam nun ein offenes Spiel zu sehen. Neun Torschüsse für Cerrense, elf für Sud America - Zahlen, die das Hin und Her treffend beschreiben. Der Ballbesitz? 49,8 zu 50,2 Prozent - wer da von Dominanz sprechen wollte, musste schon sehr kreativ rechnen. Auch in den Zweikämpfen lag Sud America mit 51,3 Prozent hauchdünn vorn. In der Schlussphase wurde es nochmal wild: Alejandro Xuarez sah Gelb, weil er meinte, man könne Alvar mit einem beherzten Griff am Trikot stoppen. Und als Hugo Pacos in der 89. Minute aus spitzem Winkel abzog, hielt Sud-America-Keeper Noe Fortun spektakulär - und rettete seinem Team den Punkt. Nach dem Abpfiff wirkten beide Trainer, als hätten sie gerade eine Schachpartie hinter sich. "Wir hätten das zweite Tor machen müssen", meinte Gnipeur, während Reich trocken konterte: "Oder das erste verhindern." Beide lachten, als hätten sie denselben Witz schon oft gehört. In den Katakomben hörte man Petrizzi noch sagen: "Manchmal ist Fußball eben wie Mate-Tee - bitter, aber ehrlich." Und auch wenn keiner wusste, was er genau meinte, nickten alle zustimmend. So blieb es beim 1:1 - einem Resultat, das in keiner Highlight-Compilation auftauchen wird, aber in seiner rauen Ausgeglichenheit fast poetisch war. Zwei Teams, die sich neutralisierten, zwei Trainer, die sich respektierten, und ein Publikum, das am Ende klatschte - vielleicht, weil es wusste: Gerechter als das wird’s selten. Und irgendwo in der Nacht, als das Stadionlicht erlosch, hörte man Wilhelm Reich leise sagen: "Ein Punkt ist kein Sieg - aber auch keine Niederlage des Geistes." Fußball in Uruguay - manchmal Philosophie auf Rasen. 16.12.643993 08:50 |
Sprücheklopfer
Mit David Odonkor will ich mich dennoch nicht messen. Fußball ist nicht nur rennen, da ist auch der Ball dabei. Und es ist wichtig, dass man den trifft.
Michael Ballack