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8435 Zuschauer im Stadion an der Poststraße sahen am Samstagabend ein Pokalspiel, das so zäh begann wie ein Montagmorgenkaffee - und mit einem späten Donnerschlag endete. TuS Hordel gewann mit 1:0 nach Verlängerung bei der SSVg Velbert, dank eines Treffers von Tim Pfeiffer in der 111. Minute. Der Mittelstürmer war nach unzähligen vergebenen Chancen endlich zur Stelle - und wurde danach wahlweise als "Erlöser" oder "Dauerschütze mit Zielwasser-Abo" gefeiert. Dabei hatte der Abend für Velbert denkbar unglücklich begonnen. Schon in der achten Minute musste der 34-jährige Routinier Batu Kazim verletzt vom Platz. "Ich hab’s knacken gehört - das war nicht der Ball", murmelte Kazim später trocken, während er mit einem Eisbeutel am Knöchel auf der Bank saß. Trainer Klaus Bock reagierte sofort und brachte den jungen Dänen Bendt Sondergaard, der sich tapfer in die Partie biss, aber gegen die dichte Hordeler Abwehr kaum Akzente setzen konnte. Und Hordel? Die Gäste traten von Beginn an so auf, als hätten sie den Busmotor noch laufen lassen - offensiv, schnell, direkt. Marvin Fink prüfte schon nach zwei Minuten Velberts Keeper Dimas Bischoff, der an diesem Abend zum Turm im Sturm wurde. Immer wieder flogen die Bälle in seinen Strafraum, immer wieder fischte er sie heraus, hechtete, brüllte, dirigierte. Insgesamt 19 Torschüsse feuerte Hordel ab, während Velbert auf einen einzigen kam - jener Versuch von David Greenwald in der 5. Minute, der ebenso harmlos wirkte wie ein Frühlingslüftchen. "Wenn du so viele Abschlüsse hast und keiner will rein, denkst du irgendwann, das Tor ist zugeklebt", sagte Hordel-Trainerin Ute Finkeldy hinterher lachend. "Aber wir haben’s halt mit Geduld versucht - und mit langen Bällen, sehr langen Bällen." Die Statistik gab ihr recht: 54 Prozent Ballbesitz, 19 Abschlüsse, und eine Zweikampfquote, die mit fast 58 Prozent klar für die Gäste sprach. Velbert dagegen kämpfte mit viel Einsatz - teils etwas zu beherzt. Essi Tihinen sah in der 20. Minute Gelb, weil er meinte, dass der Ball und der Gegner untrennbar zusammengehörten. Später folgten noch Verwarnungen für Xabier Santoyo (89.) und Vitorino Barros (123.), letzterer offenbar müde vom Laufen und genervt vom Spielverlauf. "Wir wollten über die Flügel kommen, das war klar", erklärte Velbert-Coach Klaus Bock nach dem Abpfiff. "Aber wenn du ständig in die Defensive gedrückt wirst, fliegst du halt mit halben Flügeln." Tatsächlich zeigte seine Mannschaft trotz offensiver Grundordnung wenig Durchschlagskraft. Die Hordeler Defensive um Luke Kinsella und Kurt Herbst ließ kaum etwas zu und wirkte auch nach 90 Minuten erstaunlich frisch. Die Entscheidung fiel dann in der Verlängerung - in jener 111. Minute, als der Ball endlich tat, was Hordel schon seit dem Anpfiff von ihm verlangt hatte. Günther Pfeiffer chipte den Ball an den Strafraumrand, wo Tim Pfeiffer (nicht verwandt, aber offenbar seelenverwandt) lauerte, kurz verzögerte und den Ball humorlos ins lange Eck hämmerte. "Ich hab gar nicht überlegt", grinste der Torschütze später. "Nach 110 Minuten darf man ja auch mal aufhören zu denken." Velbert versuchte noch einmal alles, stellte auf totale Offensive um, aber ohne nennenswerte Wirkung. Ein letzter Freistoß segelte in der 124. Minute in die Arme von Hordel-Keeper Jacob Montgomery, der daraufhin den Ball umarmte, als wäre er das Pokal-Ticket persönlich. Nach dem Abpfiff jubelte Hordel ausgelassen, während die Velberter Spieler erschöpft zu Boden sanken. "Wenn du so kämpfst und dann so verlierst, ist das bitter", meinte Mittelfeldspieler Günter Stock und schüttelte den Kopf. "Aber immerhin wissen wir jetzt, wie sich Beton anfühlt - den haben wir nämlich 120 Minuten gemischt." Hordel steht damit in der zweiten Pokalrunde - verdient, aber mit reichlich Anlauf. Trainerin Finkeldy fasste es trocken zusammen: "Manchmal dauert’s halt ein bisschen, bis der Knoten platzt. Hauptsache, er platzt überhaupt." Ein Satz, den man sich in Velbert wohl auch wünscht - allerdings für die kommende Saison und nicht erst nach 111 Minuten. Und so ging ein langer Abend zu Ende, an dem der Ball oft flog, selten traf und ein Tor am Ende reichte, um den Unterschied zu machen. Der Pokal schreibt eben seine eigenen Geschichten - manchmal sind sie keine Thriller, sondern Lehrstücke in Geduld. 08.01.643994 18:36 |
Sprücheklopfer
Wie so oft liegt auch hier die Mitte in der Wahrheit.
Rudi Völler