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Es war ein lauer Märzabend, aber die 39.987 Zuschauer im Fuhlenbrocker Stadion bekamen ein Feuerwerk serviert, das jeden Kamin überflüssig machte. 3:4 hieß es am Ende aus Sicht des SV Fuhlenbrock - ein Ergebnis, das so wild war wie das Spiel selbst. Wer nach 45 Minuten auf den Heimweg ging, dürfte sich später verwundert die Ohren gerieben haben: Von 3:2 auf 3:4 - Ludwigshafen machte aus Chaos Struktur und aus Rückstand drei Punkte. Dabei begann alles so verheißungsvoll für die Fuhlenbrocker. Schon in der 6. Minute zappelte der Ball im Netz. Carlos Caneira, der bullige Mittelstürmer mit dem Temperament eines Espresso doppio, drückte nach feiner Vorarbeit von Jonatan Enevoldsen zum 1:0 ein. Trainer Mike Lowrey sprang wie ein Teenager auf dem ersten Konzertbesuch von der Bank. "Das war genau unser Plan - früh draufgehen, früh belohnen", strahlte er später. Doch Ludwigshafen hatte andere Pläne. Nur fünf Minuten später traf Filip Krejci zum 1:1. Eiskalt, schnörkellos, tschechische Präzision in Reinform. "Ich hab einfach draufgehalten", sagte Krejci nach der Partie mit einem Schulterzucken, als hätte er gerade eine Einkaufsliste abgehakt. Aber Fuhlenbrock blieb am Drücker. Wieder Caneira (24.) - diesmal nach Vorlage des flinken Rhys Hennessy - und kurz darauf Hennessy selbst (35.) nach Zuspiel von Ramon Andrade stellten auf 3:1. Das Stadion tobte, die Fans sangen, und sogar der Stadionsprecher klang, als müsse er sich selbst kneifen. Doch nur drei Minuten später konterte Ludwigshafen - Joel Craven (38.) verkürzte auf 3:2. Die erste Hälfte endete so offen, dass man sich fragte, ob hier gerade Abwehrarbeit verboten worden war. Zur Pause dürften beide Trainer tief durchgeatmet haben. Lowrey schwor seine Elf noch einmal ein: "Jungs, wir bleiben mutig, aber bitte nicht so offen wie ein Scheunentor!" Sein Kollege Frank Seil hingegen grinste: "Wir machen das wie immer - erst Chaos, dann Ordnung." Und tatsächlich: Ludwigshafen kam mit einem ganz anderen Gesicht aus der Kabine. Flügelspieler Bradley Primes (61.) glich nach herrlichem Zusammenspiel mit Linksverteidiger Javi Ferron aus. Nur drei Minuten später drehte erneut Krejci mit seinem zweiten Treffer die Partie. 3:4 - plötzlich war die Stimmung im Stadion kälter als das Bier an der Würstchenbude. Die Fuhlenbrocker warfen noch einmal alles nach vorn. 12 Torschüsse insgesamt, fast genau 50 Prozent Ballbesitz - das liest sich nicht schlecht. Aber irgendwie schien der Ball in der zweiten Halbzeit eine leichte Abneigung gegen das Tor von Ludwigshafen entwickelt zu haben. Caneira scheiterte in der 90. Minute noch einmal aus kurzer Distanz, und Nuno Fernandes drosch in der Nachspielzeit (92.) das Leder über das Stadiondach. "Ich wollte eigentlich flanken", murmelte der Portugiese später mit einem Lächeln, das mehr Entschuldigung als Erklärung war. Statistisch war das Spiel ein Muster an Ausgeglichenheit - 50,0 Prozent Ballbesitz hier, 50,0 dort. Nur auf der Anzeigetafel hatte Ludwigshafen am Ende die Nase vorn. Ihre acht Torschüsse waren dafür umso effektiver. "Wir haben uns reingebissen", lobte Trainer Seil seine Mannschaft. "Manchmal braucht man keine 20 Chancen, nur vier Tore." Fuhlenbrocks Abwehr dagegen wirkte in der zweiten Halbzeit wie ein schlecht geöltes Türscharnier: knarzend, lückenhaft, aber immerhin bemüht. Lowrey nahm es mit Galgenhumor: "Vielleicht hätte ich bei 3:1 auf Defensiv schalten sollen. Aber wer will schon langweilig spielen?" Zumindest gelang es seinen Spielern, das Publikum bis zum Schluss zu unterhalten - sei es mit spektakulären Angriffen oder waghalsigen Rückpässen. Der eingewechselte Heinrich Hildebrandt, eigentlich Innenverteidiger, stürmte in der 88. Minute plötzlich mit nach vorn. "Ich dachte, warum nicht?", sagte er hinterher. "Schlimmer konnte es ja nicht werden." So blieb es beim 3:4 - ein Ergebnis, das in den kommenden Tagen noch für Gesprächsstoff sorgen dürfte. Ludwigshafen nimmt den Schwung mit, Fuhlenbrock die Erkenntnis, dass ein Fußballspiel eben länger als 45 Minuten dauert. Oder, wie es Krejci lachend zusammenfasste: "Die erste Halbzeit gehört den Künstlern, die zweite den Arbeitern." Und an diesem Abend waren die Arbeiter aus Ludwigshafen einfach effizienter. Schlusswort? Vielleicht dieses: Wer solche Spiele verliert, hat nicht alles falsch gemacht - nur zu wenig Tore in der zweiten Halbzeit geschossen. 03.12.643993 21:10 |
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Mario Basler