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Es war ein Abend, an dem die 48.912 Zuschauer im Estadio Centenario alles bekamen, was der Fußball zu bieten hat: Drama, Karten, Tore - und einen Trainer, der am Ende kaum wusste, ob er lachen oder weinen sollte. Franja Danubio gewann am Samstagabend in der 1. Liga Uruguay mit 2:1 gegen CF Rio Boston - und das nach einem Rückstand, der lange wie ein Fluch auf dem Team von Diego Cristilli lag. Dabei begann alles so verheißungsvoll für die Gäste. In der 31. Minute nutzte Joseph Blanqui eine dieser halbgaren Situationen in der Danubio-Abwehr, als sich die Verteidiger gegenseitig anschauten, um zu klären, wer denn nun zuständig sei. "Ich dachte, einer ruft ’meiner’", murmelte Innenverteidiger Tiago Vaz später mit einem gequälten Lächeln. Stattdessen rief Blanqui "Tor!", nachdem er von Caio Simao geschickt in Szene gesetzt worden war und eiskalt zum 0:1 einschob. Bis zur Pause blieb Rio Boston das gefährlichere Team. Ihre offensive Ausrichtung zahlte sich aus, auch wenn Torhüter Fernando Costa im Danubio-Kasten ein ums andere Mal den Schaden begrenzte. Besonders Necmettin Cakmak prüfte ihn mehrfach - mit Schüssen, die eher nach "Ich probier’s mal" als nach Torgefahr aussahen. Zur Halbzeit sah man Trainer Cristilli in der Kabine wild gestikulierend. "Ich habe ihnen gesagt, dass wir nicht zuschauen dürfen, wie Rio Boston Fußball spielt", erklärte er nach der Partie. "Dann habe ich Tiago gefragt, ob er weiß, dass man den Ball nicht nur mit den Augen verteidigt." Seine Worte fruchteten. Mit dem Beginn der zweiten Hälfte wurde Danubio mutiger, strukturierter - und gefährlicher. In der 58. Minute brachte Cristilli frische Kräfte: Stig Jörgensen kam für den verwarnten Leandro Moreno, Charles Armstrong ersetzte den müden Innenverteidiger Joel Sinclair. Ein riskantes Manöver - Verteidiger raus, Stürmer rein. Aber wer nicht wagt, der bleibt bei 0:1. Elf Minuten später, in der 72. Minute, platzte der Knoten. Elemer Low, der zuvor schon zwei Mal knapp gescheitert war, spielte einen perfekt getimten Pass auf Jermolai Schewzow. Der 32-jährige Routinier nahm den Ball mit der Brust an, ließ Gegenspieler Rasmussen aussteigen und schob aus spitzem Winkel zum 1:1 ein. Die Tribüne explodierte - und Cristilli drehte sich zur Bank um, als wolle er sagen: "Hab ich’s euch nicht gesagt?" Rio Boston verlor danach völlig den Faden. Trainer Reini Stöger schrie sich an der Seitenlinie die Seele aus dem Leib, vergeblich: Sein Innenverteidiger Cesc de Galvez sammelte in der 71. Minute erst Gelb und sah zehn Minuten später Gelb-Rot, weil er meinte, Reece Chamberlain müsse unbedingt noch Bekanntschaft mit seinem Ellbogen machen. "Ich wollte nur den Ball treffen", versuchte de Galvez später zu erklären. "Leider war der Ball woanders." Mit einem Mann mehr drehte Danubio auf. Die Gäste zogen sich zurück, als hätten sie plötzlich das 1:0 verteidigen wollen, das schon längst Geschichte war. In der 88. Minute kam dann der Knockout: Wieder war es Elemer Low, diesmal als Vorlagengeber für Reece Chamberlain. Der Engländer traf mit einem satten Schuss ins lange Eck - 2:1, das Stadion bebte. "Ich wusste, dass er ihn reinmacht", grinste Low nach Abpfiff. "Reece schießt sonst auch im Training alles kaputt." Chamberlain wirkte bescheidener: "Ich wollte eigentlich flanken, ehrlich." Die letzten Minuten waren ein einziges Zittern für Rio Boston, das mit zehn Mann nicht mehr viel entgegensetzen konnte. Danubio spielte die Führung mit 50,5 Prozent Ballbesitz und einer gehörigen Portion Cleverness über die Zeit. "Das war ein Sieg des Willens", bilanzierte Cristilli später. "Wir haben stark begonnen, schwach weitergemacht und noch stärker aufgehört - das ist fast Kunst." Kollege Stöger hingegen stapfte wortlos in die Kabine, nur um später zu murmeln: "Manchmal ist Fußball eben ungerecht. Heute allerdings war er einfach nur dumm." Franja Danubio festigt mit diesem 2:1-Erfolg seine Position im oberen Tabellendrittel, während CF Rio Boston erneut Lehrgeld zahlt - nicht zum ersten Mal in dieser Saison. Und irgendwo in Montevideo summte ein Fan auf dem Heimweg leise: "Zwei Tore spät, drei Punkte schwer." Fußballpoesie eben - geschrieben von einem Team, das sich nach 90 schweißtreibenden Minuten aus seinem eigenen Schatten befreit hat. 24.12.643990 04:48 |
Sprücheklopfer
Wenn ich heute Kapitän bin und das Schiff sinkt, alle müssen helfen, dann kann doch der Koch nicht kommen und sagen: 'Ich kann nur die Bratpfanne halten.'
Otto Rehhagel