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Wer am Samstagabend ins Sportpark-Stadion gekommen war, bekam für sein Eintrittsgeld mehr geboten als in mancher Staffel einer Streaming-Serie. 30.458 Zuschauer, acht Tore, ein verletzter Torjäger und zwei Teams, die offenbar beschlossen hatten, Verteidigungsarbeit als optional zu betrachten - das 4:4 zwischen dem Bonner SC und Bad Kleinen war ein wilder Tanz auf nassem Rasen. Bereits in der 7. Minute setzte Marek Matusiak von Bad Kleinen das erste Ausrufezeichen. Nach feinem Zuspiel von Innenverteidiger Marcel Krebs - ja, richtig gelesen: Innenverteidiger! - zog der polnische Flügelstürmer trocken ab. Bonns Keeper Noe Mendoza sah den Ball vermutlich erst, als er bereits in den Maschen zappelte. Trainer Lukas Teuber raufte sich die Haare, was angesichts der noch jungen Spielminute vielleicht etwas früh war. Doch der Bonner SC wäre nicht der Bonner SC, wenn er sich von Rückständen beeindrucken ließe. Nur vier Minuten später stellte Freddie Hiliard, der kanadische Mittelstürmer mit der Körpersprache eines NHL-Profis, auf 1:1. "Ich hab einfach die Augen zugemacht und gehofft, dass der Ball reingeht", grinste Hiliard nach der Partie. Man glaubt es ihm. Bad Kleinen blieb gefährlich, vorne quirlig, hinten vogelwild. In der 26. Minute brachte Marwin Paul die Gäste wieder in Führung - nach einem blitzsauberen Doppelpass mit Meik Köhler, der selbst die Bonner Abwehr kurz in einen kollektiven Winterschlaf versetzte. Doch wieder kam Bonn zurück. Kurz vor der Halbzeit (41.) schlug Hiliard erneut zu, diesmal nach feinem Pass von Esteban Makukula aus dem Mittelfeld. 2:2 zur Pause - und das Gefühl, dass das noch lange nicht alles war. Teuber verzichtete in der Kabine offenbar auf taktische Ansprachen und setzte stattdessen auf Motivationskunst. "Ich hab den Jungs gesagt: Wenn ihr schon verteidigt wie bei der Betriebssportgruppe, dann schießt wenigstens mehr Tore", verriet er später mit einem Augenzwinkern. Und siehe da: Drei Minuten nach Wiederanpfiff (48.) wuchtete Innenverteidiger Amaury Martins nach einer Ecke von Adamantios Manos den Ball per Kopf ins Netz. 3:2 Bonn - die Wende schien geschafft. Doch Bad Kleinen hatte andere Pläne. Zuerst glich Meik Köhler (55.) nach feinem Zuspiel seines Offensivpartners Marwin Paul aus, dann legte Matusiak (61.) mit seinem zweiten Treffer des Abends nach. Wieder war es ein junger Joker - der 20-jährige Max Adam - der den Pass spielte. "Ich hab einfach gesehen, dass Marek Hunger hatte", erklärte Adam später mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Stolz und ungläubigem Staunen pendelte. Dann der Schockmoment für Bonn: Hiliard verletzte sich in der 68. Minute bei einem unglücklichen Zusammenprall. Die Szene war sinnbildlich für den Abend - viel Herz, wenig Rücksicht auf physikalische Grenzen. Für ihn kam der junge Roger Donovan, der sich gleich mit einem beherzten Schuss (77.) einführte. Während Bad Kleinen weiter stürmte (am Ende 16 Torschüsse, gegen Bonns 10), sah es lange so aus, als würden die Gäste die drei Punkte mitnehmen. Doch Fußball hat seine eigenen Drehbücher. In der 93. Minute, als viele schon am Bierstand standen, schickte Makukula noch einmal einen butterweichen Pass auf den rechten Flügel. Pascal Grenier nahm Maß, zog ab - und traf. 4:4! Der Rhein bebte. "Ich wusste, dass der Ball reingeht, als ich ihn getroffen habe", sagte Grenier nach dem Spiel. "Also, zumindest wusste ich’s, nachdem der Torwart nicht rangekommen ist." Statistisch gesehen hätte Bad Kleinen den Sieg vielleicht verdient gehabt - mehr Torschüsse, mehr Effizienz im Strafraum. Aber Bonn hatte 56 Prozent Ballbesitz und offenbar auch das größere Herz für Dramatik. Gästecoach Cw WC nahm das Ergebnis sportlich: "Wenn man vier Tore auswärts schießt und trotzdem nicht gewinnt, kann man sich über vieles ärgern - oder einfach über gar nichts. Ich hab mich für Letzteres entschieden." Am Ende blieb also ein Spiel, das niemand so schnell vergessen wird. Ein 4:4, das in keiner Taktiktafel dieser Welt vorgesehen war, aber in jedes Fußballherz passt. Oder, wie ein Bonner Fan beim Verlassen des Stadions sagte: "Ich bin zwar heiser, aber glücklich. Und meine Stimme? Die hat heute auch 4:4 gespielt." Ein Abend für die Geschichtsbücher - oder zumindest für den nächsten Stammtisch. 12.10.643987 08:03 |
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