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Es gibt Fußballspiele, die dauern 90 Minuten. Und dann gibt es jene, die gefühlt schon nach sieben entschieden sind. Der FC 1903 Wangen bot am Mittwochabend im heimischen Stadion vor 44.250 begeisterten Zuschauern eine Lehrstunde in Sachen Effizienz, Spielfreude und, ja, fast schon Mitleid - denn der FC Beilngries war nach einer Viertelstunde mehr Zuschauer als Gegner. Bereits in der dritten Minute eröffnete Niels Wegener mit einem satten Schuss aus der zweiten Reihe den Torreigen - Vorlage von Rechtsverteidiger Lewis Lorring, der sich in dieser Szene wohl dachte: "Wenn schon Defensivarbeit langweilig ist, kann man ja mal vorne mitspielen." Eine Minute später legte Diego Tonel nach, diesmal nach feinem Zuspiel von Daniel Gama. Tonel, mit 32 Jahren der erfahrenste Mann auf dem Platz, grinste nach dem Treffer in Richtung Gästeblock: "Das war nicht der Plan - das war Instinkt." Und als derselbe Tonel in der siebten Minute erneut traf, diesmal nach traumhafter Vorlage von Edward Donahue, war der Drops im Prinzip gelutscht. 3:0 nach sieben Minuten - das ist normalerweise ein FIFA-Ergebnis auf leichtem Schwierigkeitsgrad. Trainer Ready Play von Wangen kommentierte trocken: "Ich hatte den Jungs gesagt, sie sollen früh das Pressing hochfahren. Ich meinte aber nicht, dass sie direkt das Spiel beenden sollen." Der Rest der ersten Halbzeit war ein Schaulaufen. Wangen kontrollierte das Spiel mit 71 Prozent Ballbesitz und 24 Torschüssen über die gesamte Partie - Beilngries kam, man muss es so hart sagen, auf null. Nicht ein einziger Schuss aufs Tor. Wangen kombinierte, passte, dribbelte - manchmal wirkte es fast, als spiele der FC 1903 gegen imaginäre Gegner. In der zweiten Halbzeit wechselte Beilngries-Trainer Andreas Tiefenbach gleich dreifach, vielleicht in der Hoffnung, das Schicksal mit frischen Kräften zu überlisten. Helmut Beck, Jakob Falk und Oscar Ledig kamen, doch auch sie wurden schnell Teil des Wangener Wirbelsturms. Tiefenbach seufzte später: "Wir haben gespielt wie ein altes Modem - langsam, laut und oft ohne Verbindung." Das 4:0 fiel in der 55. Minute durch Edward Donahue, der sich nach unzähligen verpassten Chancen endlich selbst belohnte. Ein klassischer Mittelstürmer-Treffer: Ball angenommen, Verteidiger abgeschüttelt, eiskalt vollstreckt. Donahue winkte danach Richtung Trainerbank: "Ich hab’s euch doch gesagt - irgendwann fällt er." In der 62. Minute machte Tonel seinen Dreierpack perfekt. Wieder war Wegener beteiligt, der an diesem Abend als heimlicher Regisseur im Mittelfeld glänzte. Und weil es der Fußballgott gut meinte mit den Fans, durfte auch Mirko Rasiak in der 82. Minute noch einen draufsetzen. Nach Vorarbeit des eingewechselten Pekka Kuqi schlenzte er den Ball ins rechte Eck - 6:0. Die Kurve tobte, der Stadionsprecher hatte Mühe, gegen den Jubel anzukommen. Beilngries? Nun ja, sie kämpften, liefen, verteidigten - oder versuchten es zumindest. Ihr Plan, über die Flügel zu kommen, verpuffte im Ansatz. Kein Pressing, wenig Einsatz, lange Bälle ins Nichts. "Wir wollten kompakt stehen", erklärte Tiefenbach nach dem Spiel. "Leider standen wir meist nur - und das auch nicht kompakt." Die Wangener Fans verabschiedeten ihre Mannschaft minutenlang mit Sprechchören. Torwart Giovanni Sala, der bei all dem Spektakel kaum einmal den Ball berührte, wurde in der 60. Minute ausgewechselt - wohl aus Langeweile. Ersatzkeeper Kamil Radomski grinste: "Ich hab wenigstens ein bisschen Bewegung bekommen." Die Statistik liest sich wie ein Schlagabtausch zwischen Löwe und Maus: 24:0 Torschüsse, 72 Prozent Ballbesitz, 61 Prozent gewonnene Zweikämpfe. Ein Klassenunterschied, der größer kaum sein könnte. Trainer Ready Play fasste es am Ende mit einem Augenzwinkern zusammen: "Wenn du jeden Ball bekommst und keiner zurückschießt, kannst du eigentlich nur noch das Licht ausschalten und nach Hause gehen." Die Zuschauer taten genau das - mit breitem Grinsen und der Gewissheit, Zeugen eines dieser seltenen Abende gewesen zu sein, an denen Fußball leicht aussieht. Und Beilngries? Sie nehmen immerhin die Erinnerung mit, einmal gegen ein Team gespielt zu haben, das an diesem Tag alles richtig machte. Oder, wie ihr Kapitän Ralf Bode resigniert meinte: "Manchmal ist der Gegner halt einfach ein anderes Computerspiel." Ein Pokalabend, der in Wangen noch lange erzählt werden dürfte - und in Beilngries bestimmt noch länger. 29.11.643990 17:50 |
Sprücheklopfer
Gegen uns hätten wir auch gewonnen.
Klaus Allofs