// Startseite
| Sportecho |
| +++ Sportzeitung für Deutschland +++ |
|
|
|
Manchmal gibt es Spiele, bei denen man sich fragt, ob auf dem Rasen wirklich zwei Mannschaften stehen. Das Freitagabendspiel des 27. Spieltags in der 1. Liga Deutschland zwischen Ludwigshafen und dem 1. FC Eschborn gehörte genau in diese Kategorie. 40 824 Zuschauer im prall gefüllten Stadion sahen eine Lehrstunde in Effizienz, Tempo und Kaltschnäuzigkeit. Das Endergebnis: 0:9 (0:3). Und nein, das ist kein Schreibfehler. "Wir wollten offensiv auftreten", erklärte Ludwigshafens Trainer Frank Seil nach dem Spiel mit einem gequälten Lächeln. "Aber offenbar wollten das die anderen auch - und zwar ein bisschen erfolgreicher." Die Partie begann noch harmlos. Ludwigshafen versuchte, mit jugendlicher Frische dagegenzuhalten, während Eschborn von der ersten Minute an wie ein Uhrwerk wirkte. Schon in der 13. Minute klingelte es zum ersten Mal: Tomasz Buchholz traf nach feiner Vorarbeit von Nevio Dietrich zum 0:1. Vier Minuten später legte Buchholz erneut nach - diesmal nach einem präzisen Zuspiel von Thalis Ardizoglou. Die Hausherren wirkten konsterniert, der Versuch einer offensiven Ausrichtung verpuffte. Ihr einziger ernstzunehmender Abschluss in Halbzeit eins kam in der achten Minute von Maurizio Domanico - direkt in die Arme des Eschborner Keepers Logan Cochran, der einen recht gemütlichen Abend verbringen sollte. Kurz vor der Pause setzte Dietrich selbst das dritte Tor drauf, nach einer Ecke von Peter Penksa. Mit dem Halbzeitstand von 0:3 waren die Gastgeber sogar noch gut bedient - Eschborn hatte da bereits 13 Torschüsse auf dem Konto. Nach dem Seitenwechsel wechselte Seil, brachte Damian Iniguez für Abbas Bischara, doch auch das half wenig. Kaum war die zweite Hälfte angepfiffen, jubelten wieder die Gäste: Meik John, eigentlich rechter Verteidiger, zog in der 51. Minute ab und traf per Flachschuss zum 0:4. Nur fünf Minuten später machte Dietrich mit seinem zweiten Treffer den Deckel endgültig drauf - als ob es da noch etwas zu deckeln gegeben hätte. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", gestand Ludwigshafens junger Innenverteidiger Joel Craven später kleinlaut. "Wir haben alles versucht, aber die liefen einfach überall." Eschborn zeigte Fußball in Reinform: 61 Prozent Ballbesitz, 24 Torschüsse, Pressing wie aus dem Lehrbuch. Besonders Dietrich und Buchholz harmonierten wie ein altes Ehepaar - nur mit deutlich mehr Explosivität. In der 72. Minute durfte dann auch Spielmacher Ardizoglou selbst ran, schlenzte den Ball nach Pass von Xavier Ximenis ins linke Eck: 0:6. Eine Minute später erhöhten die Gäste auf 0:7 - Dietrich, wer sonst, nach Vorlage von Jan Yilmaz. Der bekam kurz danach Gelb, vermutlich aus purer Langeweile. Doch Eschborn hatte noch nicht genug. In der 79. Minute netzte Dietrich erneut ein, diesmal nach einem Sprint über den halben Platz und Zuspiel von Bernt Geier. Und als Ludwigshafen endlich dachte, es sei vorbei, traf Dietrich in der 84. Minute zum 0:9 - sein fünftes Tor des Abends. "Nevio war heute einfach nicht von dieser Welt", schwärmte Eschborns Trainer Yas Sin, der sich das Grinsen nicht verkneifen konnte. "Ich hab ihm in der 90. Minute gesagt, er darf jetzt duschen gehen, bevor er noch ein zehntes macht." Tatsächlich wurde der 32-Jährige kurz vor Schluss durch den jungen Linus Fritsch ersetzt - unter Standing Ovations, sogar von den gegnerischen Fans. Ludwigshafen kassierte in der Schlussphase noch zwei Gelbe Karten und wirkte, als wolle man das Spielende herbeibeten. "Der Schiri hätte ruhig früher abpfeifen können", murmelte Torhüter Olaf Christensen, der neunmal hinter sich greifen musste. "Aber wenigstens hat die Stadionuhr funktioniert - die einzige Konstante heute." Die Statistik spricht eine deutliche Sprache: Zwei Torschüsse der Gastgeber, 24 der Gäste, 39 Prozent Ballbesitz für Ludwigshafen, 61 für Eschborn. Tacklingquote? 42 Prozent - und das sieht auf dem Papier besser aus, als es auf dem Platz wirkte. Am Ende blieb dem Publikum nur Galgenhumor. Ein älterer Fan auf der Tribüne rief nach dem achten Tor: "Macht wenigstens die Zehn voll, dann ist’s historisch!" - doch Eschborn zeigte sich gnädig. Fazit: Ein Fußballabend, den Ludwigshafen schnell vergessen will und den Eschborn wohl nie vergisst. Fünf Tore von Dietrich, zwei von Buchholz, dazu Treffer von John und Ardizoglou - eine Gala, wie man sie selten sieht. Trainer Seil versprach nach dem Spiel: "Wir werden das aufarbeiten. Vielleicht fangen wir mit dem Zählen an." Ein bitterer, aber lehrreicher Abend - und ein Beweis, dass Fußball manchmal grausam ehrlich ist. 19.07.643993 01:22 |
Sprücheklopfer
Ich bin davon überzeugt, dass wir die, die nicht davon überzeugt sind, davon überzeugen werden.
Christian Ziege zur Skepsis vieler deutscher Fußballfans und -experten hinsichtlich des Abschneidens der DFB-Auswahl bei der WM 2002