// Startseite
| Sportecho |
| +++ Sportzeitung für Deutschland +++ |
|
|
|
Wenn 39.150 Zuschauer an einem frostigen Januarabend im Pokal-Achtelfinale den Atem anhalten, dann weiß man: Hier geht’s um mehr als nur um ein Tor. Eintracht Völlen bezwang den SV Warnemünde mit 1:0, und das war weniger ein Torfestival als ein Geduldsspiel deluxe - mit einem gewissen Hang zur Selbstironie. Trainer Dennis Hees hatte seine Jungs von Beginn an offensiv eingestellt, kurze Pässe, Flügelspiel, fast schon tiki-taka für die Provinz. Die Eintracht rannte, kombinierte, flankte - und scheiterte. Immer wieder. Warnemünde dagegen stand hinten drin, tief, sehr tief. So tief, dass manch einer auf der Tribüne fragte, ob der Gast vielleicht im eigenen Strafraum zelten wolle. "Wir wollten erstmal sicher stehen", erklärte SV-Coach Horst Horstmann später. "Das hat ja auch ganz gut geklappt - bis Minute 58." Bis dahin war es ein Spiel mit klaren Besitzverhältnissen: 56 Prozent Ballbesitz für Völlen, 17 Torschüsse, aber null Ertrag. Javier Coelho hatte schon in Halbzeit eins zwei ordentliche Geschosse abgefeuert, Jakub Licka prüfte den Keeper aus der Distanz, Jorge Bertran zirkelte den Ball an den Pfosten - und doch blieb’s beim 0:0. Auf der Gegenseite brachte Warnemünde in ganzen 45 Minuten nicht mehr zustande als einen zaghaften Konterversuch, der irgendwo zwischen Verlegenheit und Hoffnung verpuffte. Die Gelben Karten häuften sich dagegen schneller als Torchancen für die Gäste. Jannick Ledig (9.) und der junge Manfred Seifert (28.) ließen früh die Stutzen qualmen, bevor auch Völlens Innenverteidiger Georges LaClaire (43.) sich in die Notizblätter der Schiedsrichterin eintrug. "Ich hab nur laut geatmet", grinste LaClaire nach Abpfiff. In der zweiten Halbzeit ging das gleiche Spiel weiter - Völlen drückte, Warnemünde verteidigte mit allem, was Beine hatte. Dann, in der 58. Minute, endlich die Explosion: Juanito Coelho, der linke Flügelwirbler, setzte sich mit einer dieser eleganten Drehungen durch und flankte butterweich in die Mitte. Sein Bruder Javier rauschte heran, nahm den Ball direkt - und ließ Keeper Finn Bertram keine Chance. 1:0, das Stadion bebte. "Ich wusste, dass Juanito mich sieht", sagte der Torschütze später und grinste. "Er sieht mich immer, sogar beim Abendessen." Trainer Hees kommentierte trocken: "Wenn die Coelho-Brüder so harmonieren, kann man als Trainer auch mal so tun, als sei das alles geplant." Warnemünde reagierte mit wütenden Angriffen, die eher an improvisierte Theaterstücke erinnerten als an strukturierte Offensivaktionen. Markus Brunner (66.) und Johannes Noll (77.) hatten die einzigen nennenswerten Abschlüsse - beide entschärft von Völlens Torwart Josef Tadic, der an diesem Abend zwar kaum gefordert war, aber in den entscheidenden Momenten hellwach blieb. Das Ende der Gäste nahm dann eine dramatische Wendung: Der junge Ben Konrad, ohnehin schon Gelb vorbelastet, stieg in der 78. Minute zu hart ein - Gelb-Rot, und Warnemünde spielte zu zehnt weiter. "Ich wollte nur den Ball", stammelte Konrad später, "aber der Ball wollte wohl nicht mich." Mit einem Mann mehr hätte Völlen das Ergebnis noch ausbauen können, doch Javier Coelho vergab in der 84. und 86. Minute zweimal freistehend. "Ich wollte’s schön machen", meinte er selbstkritisch. Trainer Hees hingegen lächelte milde: "Schön ist relativ. Wichtig ist, dass wir weiter sind." In den letzten Minuten wechselte Horstmann noch hektisch durch - Malfoy für Stumpf, Kunze für Noll -, aber außer frischem Elan brachte das wenig. Als der Schlusspfiff ertönte, ballte Hees die Faust und drehte sich zur Haupttribüne: "Pokal, wir kommen!" rief er, halb ernst, halb erleichtert. Die Statistik sprach ohnehin eine klare Sprache: 17:3 Schüsse, 56 Prozent Ballbesitz, 57 Prozent gewonnene Zweikämpfe - Völlen dominierte nach Belieben. Nur das Ergebnis ließ Luft nach oben. Und doch: Im Pokal zählt kein Stil, sondern das Weiterkommen. "Schön spielen kann man im Frühling", witzelte Mittelfeldmotor Fernando Granados. "Im Januar reicht’s, wenn man nicht erfriert und trifft." Eintracht Völlen steht also im Viertelfinale - dank eines Coelho-Treffers, einer stabilen Defensive und einer geduldigen Portion Selbstvertrauen. Warnemünde dagegen darf den Bus mit der Gewissheit besteigen, dass man wenigstens das Zelten im eigenen Strafraum perfektioniert hat. Oder, wie es ein Fan auf der Tribüne zusammenfasste: "Kein Spektakel, aber Hauptsache weiter. Und für Spannung hat’s ja gereicht - zumindest für die mit warmem Kakao." 19.09.643987 01:47 |
Sprücheklopfer
Man darf jetzt nicht alles so schlecht reden, wie es war.
Fredi Bobic