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47700 Zuschauer im Eschborner Stadion sahen am Mittwochabend einen Pokalfight, der keiner war - zumindest nicht im klassischen Sinn. Der 1. FC Eschborn gewann die Partie der 1. Pokalrunde gegen Budissa Bautzen mit 1:0, und doch fühlte sich das Ergebnis eher nach einem 4:0 an. Denn was die Gastgeber an Chancen herausspielten, hätte locker für zwei Runden reichen können. Das Tor des Abends fiel bereits in der 10. Minute, und es hätte kaum schöner ins Drehbuch passen können: Der 18-jährige Sven Will, der eigentlich noch einen Schülerausweis in der Sporttasche trägt, zog nach feinem Zuspiel von Luis Klug von links in die Mitte und jagte den Ball trocken ins lange Eck. "Ich hab gar nicht groß nachgedacht, einfach draufgehalten", grinste der Youngster später, als wäre ein Pokaltor das Normalste der Welt. Danach entwickelte sich eine Partie, die in jeder Statistik klar war - außer auf der Anzeigetafel. 17 Torschüsse für Eschborn, ganze zwei kümmerliche Versuche für Bautzen. 56,6 Prozent Ballbesitz, 57,9 Prozent gewonnene Zweikämpfe, und trotzdem zitterte Trainer Yas Sin auf der Bank, als ginge es um den Champions-League-Titel. "Ein Tor Vorsprung ist wie ein offenes Fenster - da kann immer was reinfliegen", murmelte er in der 75. Minute, als seine Abwehr versuchte, die Führung ins Ziel zu retten. Die Gäste aus Bautzen wirkten von Beginn an bemüht, aber ungefährlich. Ihre offensive Grundausrichtung wirkte eher wie eine freundliche Absichtserklärung. Einmal, in der 31. Minute, prüfte Ragip Calik den Eschborner Keeper Johann Rupp - mehr als ein laues Lüftchen war es nicht. Trainer Hoo NaRa zeigte sich dennoch trotzig: "Wir haben offensiv gespielt, das kann man uns nicht vorwerfen. Nur leider ohne Ball." Eschborn dagegen stürmte, kombinierte, verzweifelte. Besonders Nevio Dietrich, der 31-jährige Rechtsaußen, schien mit dem Tor auf Kriegsfuß zu stehen. Viermal zog er ab, viermal hielt Bautzens Nachwuchstorwart Bailey Bridges mit stoischer Ruhe. "Der Junge hat Nerven aus Stahl", lobte Eschborns Kapitän Luis Klug anerkennend. "Leider nicht meine Nerven, die waren irgendwann durch." Kurz vor der Pause folgte dann eine Szene, die selbst die erfahrenen Journalisten auf der Tribüne schmunzeln ließ: Eschborns Innenverteidiger Johannes Nowak, gerade 18 Jahre alt, sah Gelb nach einem rustikalen Einsteigen und diskutierte danach mit dem Schiedsrichter über die Definition von "Ball gespielt". Der Unparteiische blieb unbeeindruckt, Nowak wurde zur Halbzeit ausgewechselt - sicherheitshalber. Zur zweiten Halbzeit brachte Trainer Sin frische Kräfte. Torwart Amaury Alvarez durfte für Rupp ran, Elliot Caroll und Peter Penksa kamen für Wegner und Nowak. Die Eschborner blieben spielbestimmend, doch mit zunehmender Dauer schlich sich Nervosität ein. Zwischenzeitlich meinte man, den Ball wolle niemand mehr ins Tor schießen - zu schön war das Spiel ohne Abschluss. In der 80. Minute dann die Schrecksekunde: Bautzens Marian Janczyk fasste sich ein Herz, zog aus 25 Metern ab - und zwang Alvarez zu einer Flugeinlage, die jeden Zirkusdirektor stolz gemacht hätte. Der Ball prallte zur Ecke, das Stadion atmete kollektiv aus. "Ich hab kurz überlegt, ob ich ihn durchlasse, damit’s spannender wird", witzelte Alvarez später. Danach war’s nur noch ein Warten auf den Abpfiff. Die Eschborner Fans sangen, die Spieler kämpften, und die Statistik schrieb sich von selbst. Zwei Gelbe Karten (Nowak, John), keine Verletzungen, keine roten Karten - ein fast friedliches Fußballfest. "Wir wollten weiterkommen, nicht schön aussehen", sagte Trainer Yas Sin nach dem Spiel, während er sich demonstrativ an seinem Kaffeebecher festhielt. "Aber ein bisschen hübsch war’s ja trotzdem." Kollege Hoo NaRa nahm’s mit Humor: "Wir haben viel gelernt. Zum Beispiel, dass man zum Toreschießen auch aufs Tor schießen muss." Und so zieht der 1. FC Eschborn in die nächste Pokalrunde ein, mit einem blutjungen Matchwinner, der wohl noch eine Weile von seinem ersten großen Tor erzählen wird. "Meine Mutter hat mir vorher gesagt: Schieß, wenn du kannst", lachte Sven Will auf dem Weg in die Kabine. Das hat er getan - und ganz Eschborn jubelte. Ein kleiner Sieg, ein großer Moment - und ein 18-Jähriger, der an diesem Abend ein Stück Vereinsgeschichte schrieb. 17.03.643987 18:23 |
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