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Das Flutlicht im Papenburger Stadion glühte noch, als Julian Andrade in der 94. Minute den Ball über die Linie drückte - und 34.222 Fans gleichzeitig aufsprangen, als wäre Weihnachten, Ostern und Meisterfeier auf einen Tag gefallen. 2:2 hieß es am Ende zwischen dem SC Papenburg und Gelsenkirchen 04. Und dieser Ausgleich war so spät, dass selbst der Schiedsrichter kurz überlegte, ob er ihn noch zählen lassen sollte. Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen für die Gastgeber. Schon in der 13. Minute traf Björn Karlson nach Vorarbeit von Leandro Barros zum 1:0. Ein klassischer Karlson: rechts durch, ein Haken, ein Schuss - und der Ball zappelte im Netz. "Ich hab einfach draufgehalten, ehrlich gesagt. Der Torwart sah ein bisschen überrascht aus - vielleicht auch, weil er noch mit dem Warmmachen beschäftigt war", grinste Karlson nach Abpfiff. Papenburg dominierte das Spiel - 14 Schüsse aufs Tor gegenüber nur zwei der Gäste sprechen eine deutliche Sprache. Die Elf von Trainer Frank Helmbrecht spielte mutig, offensiv, manchmal fast zu verspielt. "Wir wollten zeigen, dass man auch mit schönem Fußball Punkte holen kann", meinte Helmbrecht später, "blöd nur, dass das manchmal länger dauert." Denn Papenburg ließ Chancen liegen, als wären sie unerwünschte Werbeprospekte: Hans Van Tassel traf Latte, Pfosten und fast den Linienrichter, Tristan Middag prüfte den Keeper aus allen Lagen, und Xabier Galan vergab freistehend - vermutlich denkt er immer noch darüber nach, ob er links oder rechts hätte schießen sollen. Die Gelsenkirchener dagegen wirkten in der ersten Halbzeit wie Touristen, die versehentlich auf dem Platz gelandet waren. Trainer Andreas Meyer stand mit verschränkten Armen an der Seitenlinie und kommentierte trocken: "Wir haben uns das hier mal angeschaut. Schöne Stadt, schönes Stadion, nur der Ball war zu oft beim Gegner." Doch seine Mannschaft steigerte sich nach der Pause. Erst brachte er frischen Wind von der Bank - Dirk Thomas kam für Horst Schulz, später der junge Tomas Ledig für Eri Lux - und plötzlich lief’s besser. Heinrich Petersen sah zwar Gelb, weil er mehr Gegner als Ball traf, aber wenigstens war Feuer drin. Und dann kam die 81. Minute: Marvin Mayer zog rechts an, legte quer, und Joschua Lindemann netzte eiskalt zum 1:1 ein. Der Ausgleich aus dem Nichts, aber Meyer grinste nur: "Genau so war’s geplant." Als dann in der 90. Minute Mayer selbst traf - eiskalt, trocken, unhaltbar - kippte das Stadion in Schockstarre. Die Gelsenkirchener jubelten ausgelassen, und Torwart Robert Hein, eigentlich schon mit einer Auswechslung in der 90. Minute bedacht, brüllte von der Bank: "Jetzt pfeif endlich ab!" Doch Papenburg hatte noch einen letzten Angriff in sich. Es lief bereits die 94. Minute, als Tristan Middag von rechts flankte und Andrade den Ball per Kopf ins Netz wuchtete. Der Jubel war ohrenbetäubend. Andrade, erst in der 65. Minute eingewechselt, riss die Arme hoch und brüllte Richtung Trainerbank: "Ich bin doch kein Joker, ich bin die Nachspielzeit!" Helmbrecht umarmte jeden, der nicht rechtzeitig weglaufen konnte, und später meinte er: "Das war kein Punktgewinn. Das war eine emotionale Wiedergeburt." Statistisch gesehen hätte Papenburg das Spiel längst entscheiden müssen. 51,9 Prozent Ballbesitz, 55,5 Prozent gewonnene Zweikämpfe, 14 Schüsse aufs Tor - doch am Ende rettete nur der pure Wille einen Zähler. Gelsenkirchen 04 dagegen hatte Effizienz pur gezeigt: zwei Schüsse, zwei Tore. Wenn das kein taktisches Konzept ist, dann wenigstens ein ökonomisches. Und so endete ein Spiel, das eigentlich schon entschieden schien, in einem wilden, fast filmreifen Finale. "Ich hab in der 90. Minute schon angefangen, meine Jacke zuzumachen", gab Gästetrainer Meyer zu. "Fehler. Großer Fehler." Vielleicht war es kein perfekter Fußballabend, aber einer mit allem, was der Sport braucht: Tore, Dramatik, Emotion - und ein bisschen Chaos. Oder, wie es Andrade beim Rausgehen formulierte: "Manchmal schreibt der Fußball kein Drehbuch. Er kritzelt einfach drauflos." Und genau das tat er an diesem Abend in Papenburg - mit einem dicken, unleserlichen, aber herrlich ehrlichen Strich. 20.01.643994 00:01 |
Sprücheklopfer
Man darf über ihn jetzt nicht das Knie brechen.
Rudi Völler