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Es war einer dieser Abende im Marakana-Stadion, an denen 66.135 Zuschauer sich zurücklehnen wollten - und dann doch lieber stehenblieben. Was als kontrollierte Vorstellung von Crvena Zvezda Belgrad begann, endete in einem wilden Tanz zwischen Hoffnung, Verzweiflung und Ekstase. Am Ende jubelte das Heimteam von Trainer Don Dirigente über ein 3:2 gegen tapfere Gäste aus Banja Luka - ein Ergebnis, das so hart erarbeitet war wie ein serbischer Winter. Die Geschichte dieses Spiels ist schnell erzählt, aber schwer zu verdauen. Denn zunächst schien alles auf eine Überraschung hinauszulaufen. In der 35. Minute tauchte Banja Lukas junger Mittelstürmer Stanislaw Bandrowski plötzlich frei vor Alberto Santos auf - und schob eiskalt ein. "Ich hab einfach nicht nachgedacht", grinste der 20‑Jährige später, "vielleicht war das mein Vorteil." Nach seinem Treffer schauten sich die Belgrader Verteidiger an, als hätten sie gerade erfahren, dass der Linienrichter ihr WLAN-Passwort geändert hat. Bis zur Pause blieb es beim 0:1, und im weiten Rund machte sich ein leises Murmeln breit. Trainer Dirigente verschwand mit finsterer Miene im Kabinengang - wohl um seiner Mannschaft die Begriffe "Aggressivität: strong" und "Effort: standard" noch einmal wörtlich zu erklären. Dann kam die zweite Halbzeit, und mit ihr Zvezdas Rückkehr zum Offensiv‑Mantra. 16 Torschüsse sollten es am Ende sein, und fast jeder davon roch nach Gleichstand. In der 58. Minute brach der Bann: Zivojin Bisevac, der bullige Mittelstürmer, drückte eine präzise Flanke von Zoltan Detari über die Linie. Die Fans jubelten, als hätten sie gerade die Steuererklärung gewonnen. Nur drei Minuten später legte René Celine nach - wieder nach Vorarbeit des überragenden Detari. 2:1, und das Stadion vibrierte. "Ich hab nur den Ball gesehen und gedacht: Jetzt oder nie", sagte Celine, der mit 32 Jahren immer noch sprintet, als gäbe es kein Fitnessband. Trainer Dirigente klatschte an der Seitenlinie, einmal zu oft, und rief seinem Team zu: "Weiter so, aber bitte mit weniger Herzinfarkt!" In der 70. Minute krönte sich dann Gerhard Bach zum Helden des Abends. Nach einem Pass von Joel Stack zog er von rechts nach innen, und sein Schuss rauschte ins Netz - 3:1. "Ich wollte eigentlich flanken", gestand Bach später, "aber manchmal ist das Leben eben ein schöner Zufall." Banja Luka gab sich dennoch nicht geschlagen. Coach Stojko Blombovic, der an der Seitenlinie so ruhig blieb, als würde er Schach spielen, brachte in der 90. Minute gleich drei frische Spieler. Und siehe da: In der Nachspielzeit traf Vicente Dominguez nach Vorarbeit von Jorge Costa zum 3:2‑Anschlusstreffer. Mehr war nicht drin, aber das Tor war ein Statement. "Wir wollten zeigen, dass wir Fußball spielen können", meinte Dominguez. "Auch wenn’s am Ende nur für Applaus reicht." Statistisch hatte Crvena Zvezda die Nase vorn: 52,6 Prozent Ballbesitz, 16 Torschüsse, eine ordentliche Zweikampfquote. Banja Luka hielt dagegen, kämpfte, biss, und brachte immerhin sieben Schüsse aufs Tor - fast alle von Bandrowski, der an diesem Abend mehr rannte als ein Marathonläufer mit Jetlag. Einziger Wermutstropfen für Belgrad: Rechtsaußen Herman Abramson sah in der 63. Minute Gelb, nachdem er einen Konter etwas zu leidenschaftlich beendete. "Ich hab nur den Ball gespielt", verteidigte er sich - was der Linienrichter mit einem Stirnrunzeln quittierte, das man bis in die Pressetribüne sehen konnte. Als der Schlusspfiff ertönte, fiel Don Dirigente seinem Torwart Santos um den Hals. "Das war keine Gala, aber ein Charaktertest", sagte der Trainer. "Wenn du nach 0:1 so zurückkommst, hast du’s verdient." Auf der anderen Seite lobte Blombovic seine Jungs: "Wir haben den Riesen geärgert - mehr wollte ich gar nicht." In der Mixed Zone scherzte Detari noch, er habe bei zwei Assists und null Toren "wohl sein Scorer‑Glück an die Stürmer verschenkt". Celine konterte trocken: "Wenn er weiter so spielt, spendier ich ihm das Abendessen - aber nur, wenn wir wieder gewinnen." So bleibt dieses 3:2 mehr als nur ein weiterer Sieg am 13. Spieltag der serbischen Liga. Es war ein kleines Drama, ein Fußball‑Theaterstück, bei dem jeder Zuschauer das Gefühl hatte, er habe selbst mitgespielt. Und während die Flutlichter langsam erloschen, summte das Stadion noch lange vor sich hin - irgendwo zwischen Erleichterung und Vorfreude auf das nächste Kapitel dieser verrückten Saison. Oder, wie ein älterer Fan beim Hinausgehen murmelte: "Wenn Zvezda so spielt, brauch ich kein Kino mehr - ich hab ja Dauerkarte." 15.10.643990 21:15 |
Sprücheklopfer
Mit David Odonkor will ich mich dennoch nicht messen. Fußball ist nicht nur rennen, da ist auch der Ball dabei. Und es ist wichtig, dass man den trifft.
Michael Ballack