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Ein Dienstagabend in Carouge, Flutlicht, 37.415 Zuschauer und Temperaturen, bei denen selbst der Schiri kurz überlegte, ob er sich Handschuhe gönnt. Und dann dieses Spiel: SC Carouge gegen Rot-Blau Basel - 3:2 nach 90 schweißtreibenden Minuten, die alles hatten: jugendlichen Übermut, erfahrene List und ein paar Momente, in denen man dachte, die Physik sei kurz außer Kraft gesetzt worden. Schon nach zehn Minuten war klar, dass Carouge nicht zu Hause antreten wollte, um sich den Ballbesitzstatistiken (42 zu 58 Prozent) zu ergeben. Trainer Stefan Häusler brüllte von der Linie: "Lasst sie ruhig den Ball streicheln - wir machen die Tore!" Und seine Jungs hielten Wort. In der 28. Minute war es der 19-jährige Heinz Mann, der nach Vorlage von James Nicksay den Ball humorlos ins Netz drosch. Der Jubel? Eine Mischung aus ungläubigem Staunen und jugendlicher Frechheit. "Ich hab einfach draufgehauen", grinste Mann hinterher. "Der Ball hat schon gewusst, wo er hinmuss." Nur sechs Minuten später legte Javier Zaera nach - und wie! Der linke Mittelfeldspieler, flink wie ein Espresso nach Mitternacht, zog von außen rein und schlenzte den Ball ins rechte Eck. Filippo Cossu hatte mit einem feinen Pass die Vorarbeit geliefert. Basel wirkte konsterniert, als hätte man ihnen gerade erklärt, dass ihr Navi auf "Rückwärts" eingestellt war. Mit 2:0 ging es in die Pause. Bei Basel flogen in der Kabine keine Stühle, aber zumindest soll Coach Kevin Keegan laut geworden sein. "Wir hatten 57 Prozent Ballbesitz und null Prozent Glück", knurrte er später. Seine Mannschaft kam tatsächlich wacher aus der Kabine - und Carouge tat, was Carouge gern tut: tief stehen, wild kontern, und darauf hoffen, dass der Torwart Marek Dobias weiter so fliegt, als hätte er Federn statt Handschuhe. Dann die 69. Minute: Häusler wechselte gleich dreifach, und prompt fiel das 3:0. Philippe Turcotte, frisch eingewechselt, machte das, was Mittelstürmer alter Schule tun sollen - er war einfach da. Nach Pass von Charles Nicksay schob er den Ball mit der Ruhe eines Mannes ein, der schon weiß, dass der Reporter später sein Zitat braucht. "Ich hab gesagt: Gib mir das Ding, ich mach’s kurz", scherzte Turcotte nach Abpfiff. Doch wer dachte, Basel sei tot, irrte. Nur eine Minute später zimmerte Bruno Fernandes - der rechte Flügel, nicht der portugiesische Superstar - den Ball in die Maschen. Und als Simone Rose in der 74. Minute das 3:2 erzielte, war das Stadion plötzlich ein brodelnder Kessel aus Angst und Euphorie. Die letzten 15 Minuten glichen einem Belagerungszustand. Basel feuerte mit allem, was Beine hatte: 15 Torschüsse insgesamt, und jeder zweite roch nach Ausgleich. Jacek Fuhl prüfte in der 89. Minute noch einmal Dobias, der den Ball mit einem Reflex abwehrte, der in jedem Torwartlehrbuch das Kapitel "Unmögliches möglich machen" zieren sollte. "Ich hab nur die Hände hochgerissen und gehofft", gab Dobias ehrlich zu. "Manchmal reicht das." In der Nachspielzeit kassierte Carouges Verteidiger Jean Lefebvre noch Gelb, wohl eher aus Nervosität als aus Notwendigkeit. Der Schlusspfiff kam schließlich wie ein Erlösungsseufzer durchs Stadion gerauscht. Was bleibt? Carouge mit drei Punkten, Basel mit ratlosen Gesichtern und der Gewissheit, dass Ballbesitz allein keine Spiele gewinnt. "Manchmal gewinnt der, der weniger denkt", philosophierte Häusler später mit einem Lächeln, das zwischen Stolz und Müdigkeit schwankte. Keegan hingegen stapfte in die Kabine, murmelte etwas von "Fehlender Killerinstinkt" und verschwand im Tunnel. Ein Abend also, der in Carouge noch lange nachhallen dürfte. Die Fans sangen, die Spieler tanzten - und irgendwo in der Stadt wird noch immer jemand erzählen, wie der junge Heinz Mann mit 19 Jahren den großen Rot-Blau Basel ins Wanken brachte. Ein Spiel, das zeigte: Statistik ist schön, Tore sind schöner. Und falls jemand fragt, was das Geheimnis dieses 3:2 war - vielleicht war’s einfach der Glaube daran, dass manchmal der Außenseiter den Espresso stärker trinkt. 03.07.643990 16:59 |
Sprücheklopfer
Der Vorteil von Trainern wie Branko Zebec und Ernst Happel war ihre kuriose Sprache. Die Spieler mussten sich stark konzentrieren, um zu verstehen, was sie meinten. Deshalb kam ihre Botschaft so gut rüber.
Felix Magath