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Manchmal reicht ein Funken Geduld - und in diesem Pokalfinale war es der 1. FC Eschborn, der die Ruhe bewahrte. Nach 122 dramatischen Minuten im prall gefüllten Stadion von Bonn stand es 1:2 (1:0) nach Verlängerung. Der Bonner SC hatte lange geführt, die 38.500 Zuschauer träumten schon vom Pokal, doch am Ende jubelten die Gäste aus Hessen. "Ich hatte das Gefühl, der Ball will einfach nicht rein", stöhnte Bonns Trainer Lukas Teuber nach Abpfiff und raufte sich die Haare - jene, die nach 120 Minuten Dauerschreien noch übrig waren. Seine Jungs hatten alles gegeben, kämpften, liefen, schossen - 17 Mal aufs Tor. Aber Fußball ist eben kein Schusszähler-Wettbewerb. Dabei begann der Abend für die Gastgeber wie gemalt. In der 30. Minute zirkelte der 22-jährige Flügelstürmer Yannick Van Moer den Ball nach feinem Zuspiel von Cameron Prinsloo ins lange Eck - 1:0, Stadionexplosion! Auf der Tribüne tanzten Fans im Bonner Blau, Teuber ballte die Faust und brüllte "So will ich euch sehen!" Richtung Spielfeld. Die Eschborner, bis dahin eher auf Sicherheit bedacht, wirkten kurz geschockt. Doch Trainer Yas Sin, ein Mann, der in 90 Minuten so ruhig bleibt wie andere beim Yoga, schien die passende Halbzeitansprache zu finden. "Ich sagte nur: Jungs, das Spiel dauert länger als 45 Minuten", grinste er später. Und tatsächlich: Keine drei Minuten nach Wiederanpfiff war der Spielstand Geschichte. Der quirlige Tomasz Buchholz verwandelte die butterweiche Flanke von Joel Duff in der 48. Minute zum 1:1 - ein Treffer wie aus dem Lehrbuch, und plötzlich war das Stadion stiller als ein Bibliotheksflur. Von da an entwickelte sich ein offener Schlagabtausch: 20 Torschüsse der Gäste, 17 der Bonner, und der Ballbesitz - 50,03 Prozent für Eschborn, 49,97 für Bonn - zeigte, wie ausgeglichen dieser Pokalabend war. Beide Seiten spielten mit offenem Visier, mal auf den Flügeln, mal durch die Mitte. Van Moer rannte sich die Lunge aus dem Leib, Catrall prüfte Torwart Logan Cochran mehrfach, während auf der anderen Seite Jacob Holz und Thalis Ardizoglou den Bonner Keeper Amaury Panero beschäftigten. Als Schiedsrichterin Dr. Lena Faber nach 90 Minuten abpfiff, lag mehr Schweiß auf dem Rasen als auf manchem Festival. Verlängerung. "Ich hab den Jungs gesagt: Jetzt geht’s um den Charakter", verriet Teuber. Er sollte recht behalten - nur, dass der Charaktertest in die falsche Richtung ging. Eschborn übernahm das Kommando, presste mutiger, spielte reifer. Joel Duff, der 33-jährige Routinier auf der linken Seite, wurde zum heimlichen Regisseur. Immer wieder trieb er den Ball an, suchte Ardizoglou im Zentrum. Und jener Ardizoglou war es, der in der 122. Minute zur tragischen wie heroischen Figur wurde. Duff spielte flach in den Strafraum, Ardizoglou zog ab - Panero war noch dran, aber der Ball trudelte über die Linie. 1:2! Während Eschborns Bank in einem Jubelmeer versank, sank Panero auf die Knie. Die Bonner Spieler standen wie angewurzelt, als hätte jemand den Strom abgeschaltet. "Das war einer dieser Momente, in denen du weißt: Das war’s", sagte Kapitän Daniele Simeri Crichi später. Trainer Yas Sin hingegen blieb sogar beim Jubel gelassen. "Wir haben heute Geduld und Herz gezeigt. Und vielleicht ein bisschen Glück - aber das gehört im Pokal dazu." Lukas Teuber suchte nach Worten. "Ich bin stolz auf meine Mannschaft. Wenn du 120 Minuten dagegenhältst und am Ende so verlierst, tut das weh. Aber lieber so kämpfen und fallen, als gar nicht aufstehen." Kurz danach trottete er in die Kabine, während die Eschborner Spieler mit dem Pokal vor die Fans traten. Tomasz Buchholz, der Torschütze zum 1:1, drehte sich dabei zu einem Kameramann und sagte mit einem Augenzwinkern: "Ich wusste, dass wir’s in der Verlängerung klarmachen. Naja, fast." Das Publikum spendete trotz der Niederlage Applaus - ein seltener Moment sportlicher Fairness in einem Finale, das alles hatte: Tempo, Dramatik, Tränen. Und irgendwo auf der Pressetribüne schrieb ein Kollege mit müdem Lächeln in seinen Laptop: "Fußball - das Spiel, bei dem am Ende nicht immer die bessere Mannschaft gewinnt, aber immer die mit dem längeren Atem." Bonner SC 1 - 1. FC Eschborn 2 (nach Verlängerung). Ein Finale, das niemand vergessen wird - außer vielleicht der Bonner Torwart, der es gerne täte. 26.09.643993 08:49 |
Sprücheklopfer
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