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Wer am Freitagabend im Papenburger Stadion saß, bekam für sein Eintrittsgeld mehr geboten, als manch Netflix-Serie hergibt. 39.366 Zuschauer sahen ein Spiel, das irgendwo zwischen Drama, Slapstick und Hochleistungssport pendelte - und am Ende jubelte der Bonner SC über einen 3:2-Auswärtssieg, der so verdient wie nervenaufreibend war. Schon der Auftakt ließ ahnen, dass hier kein gemächlicher Abtastabend bevorstand. Bonn begann offensiv, fast übermotiviert, und prüfte Papenburgs Keeper Miguel Tiago gleich mehrfach in den ersten zehn Minuten. "Wir wollten zeigen, dass wir keine Auswärtstouristen sind", grinste Bonns Trainer Lukas Teuber später. Seine Jungs nahmen ihn beim Wort - 15 Torschüsse insgesamt sprechen eine klare Sprache. In der 35. Minute dann die erste Explosion: Cameron Prinsloo tanzte auf der rechten Seite seinen Gegenspieler schwindelig, flankte flach nach innen, und Detlev Hafner vollendete trocken zum 0:1. Ein Treffer aus dem Lehrbuch - und ein seltener Moment der Ruhe beim sonst so aufgeregten Hafner, der danach einfach nur die Arme ausbreitete, als wollte er sagen: "Na also, geht doch." Doch Papenburg wäre nicht Papenburg, wenn sie sich einfach ergeben hätten. Nur sieben Minuten später zog Orhan Karaer aus etwa 20 Metern ab - ein Schuss, so präzise wie ein Uhrwerk aus der Schweiz, und schon stand es 1:1 (42.). "Ich hab einfach draufgehalten", sagte Karaer nach dem Spiel lachend. "Frank wollte, dass wir mutiger schießen. Da dachte ich: Na gut, Chef!" Mit diesem Gleichstand ging es in die Pause, und man konnte spüren, dass Trainer Frank Helmbrecht in der Kabine wohl mit der Kreidetafel gekämpft haben musste. Seine Mannschaft blieb zwar defensiv eingestellt, aber aggressiv im Zweikampf - manchmal vielleicht etwas zu sehr, wie die rote Karte später zeigte. Die zweite Halbzeit begann mit einem Paukenschlag, der selbst hartgesottene Torstatistiker ins Schwitzen brachte: In der 53. Minute stellte Bonns linker Flügelstürmer Antonio Gutierrez nach Vorlage von Javier Domingo auf 1:2. Zwei Minuten später glich wieder - natürlich - Orhan Karaer aus, diesmal nach Vorarbeit von Leandro Eusebio. Kaum hatte der Stadionsprecher den Torschützen genannt, da schlug Bonn erneut zu: Charles Catrall traf in der 56. Minute eiskalt nach Pass von Esteban Makukula. Drei Tore in vier Minuten - das war kein Fußballspiel mehr, das war ein Feuerwerk. "Da wusste ich kurz nicht mehr, ob ich mich freuen oder verstecken soll", gab Bonns Trainer Teuber später zu. "So was kann auch kippen." Tat es aber nicht. Denn Papenburg mühte sich, fand nach dem Rückstand aber nicht mehr den entscheidenden Zugriff. Zwar hatten sie mit 49 Prozent Ballbesitz und acht Schüssen aufs Tor respektable Zahlen, doch Bonn spielte cleverer, bissiger und - man muss es sagen - abgebrühter. Als dann in der 87. Minute Papenburgs Linksverteidiger Atabey Kaldirim nach einem übermotivierten Zweikampf die Rote Karte sah, war klar: Das wird nichts mehr mit der Aufholjagd. "Ich habe den Ball gespielt, glaube ich", meinte Kaldirim ratlos in der Mixed Zone, während Trainer Helmbrecht die Stirn rieb. "Atabey hat Herz, aber manchmal etwas zu viel davon." Kurz vor Schluss brachte Bonn noch Vicente Izquierdo und Claude Amyot, um Zeit von der Uhr zu nehmen - eine Maßnahme, die so effektiv war, dass selbst der Schiedsrichter kurz auf die Uhr schaute, als wolle er sichergehen, dass das Spiel wirklich noch lief. Papenburg kam zwar in der Nachspielzeit durch Hans Van Tassel noch einmal zum Abschluss, doch Bonns Torwart Amaury Panero hielt sicher - und grinste dabei, als hätte er gerade den letzten Bus erwischt. Das Fazit: Bonn zeigte sich als reife, taktisch disziplinierte Mannschaft, die ihre offensive Grundhaltung (15 Schüsse aufs Tor!) konsequent durchzog. Papenburg dagegen kämpfte leidenschaftlich, blieb aber im entscheidenden Moment zu ungestüm. "Wir haben heute Lehrgeld bezahlt", bilanzierte Helmbrecht nüchtern. "Aber wer nichts riskiert, gewinnt auch nichts - außer Erfahrung." Bonns Trainer Teuber nahm’s gewohnt trocken: "Drei Punkte, drei Tore - alles andere ist Statistik." Und so verließen die 39.366 Zuschauer das Stadion mit dem Gefühl, etwas erlebt zu haben, das man in keiner Tabelle findet: einen Fußballabend, der erinnerte, warum dieser Sport selbst bei 3 Grad und Nieselregen noch 40.000 Menschen aus dem Haus lockt. Vielleicht lag’s am Kampf, vielleicht an Karaers Doppelschlag - oder einfach daran, dass ein Spiel wie dieses beweist: Fußball ist dann am schönsten, wenn er nicht perfekt ist. 27.12.643993 19:39 |
Sprücheklopfer
Wie so oft liegt auch hier die Mitte in der Wahrheit.
Rudi Völler