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Ein lauer Märzabend in Montevideo, 27.000 Zuschauer, die Luft vibrierte vor Erwartung - und am Ende war alles angerichtet für ein kleines Fußballdrama, das man in dieser Stadt noch eine Weile diskutieren wird. Bohemios Montevideo und CD Cerrense trennten sich am 26. Spieltag der uruguayischen Primera División 2:2 (1:2) - ein Ergebnis, das viel über Moral, Nerven und den unbändigen Glauben an den Lucky Punch verrät. Die Gäste aus Cerrense kamen mit einem klaren Plan: früh zuschlagen, dann verteidigen wie eine Wand. Und genau das taten sie - gnadenlos effizient. Schon in der 9. Minute brachte Duarte Galindo die Cerrenses nach klugem Zuspiel von Christian Petrizzi in Führung. Drei Minuten später legte Linksverteidiger Hans Jakobsen nach - ein wuchtiger Schuss, halb Volley, halb Verzweiflungstat, aber voll im Netz. 0:2 nach zwölf Minuten, und das heimische Publikum rieb sich die Augen. Trainer Gnipeur von Cerrense grinste später: "Wir wollten Bohemios den Spaß am Fußball nehmen. Zumindest zwanzig Minuten lang hat das geklappt." Bohemios-Coach - ein Name, der in der Statistik diesmal fehlt, aber dessen Gestik an der Seitenlinie Bände sprach - sah seine Mannschaft taumeln. Doch anstatt in Panik zu verfallen, schaltete Bohemios langsam in den Modus "Wir haben nichts mehr zu verlieren". Und siehe da: In der 32. Minute traf Nuno Postiga, nach schönem Zuspiel von Cameron Delmas, zum 1:2-Anschluss. Das Stadion erwachte - die Trommeln, die schon müde klangen, fanden ihren Rhythmus wieder. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Postiga nach dem Spiel. "Wir mussten doch zeigen, dass wir auch Tore schießen können, nicht nur Lamentieren." Zur Halbzeit hatte Cerrense zwar 53 Prozent Ballbesitz und mehr Torschüsse (insgesamt 16 zu 11), doch das Momentum gehörte spürbar den Bohemios. Delmas selbst sorgte kurz nach dem Seitenwechsel für den nächsten Aufreger: In der 49. Minute verletzte sich der laufstarke Mittelfeldmann ohne Gegnereinwirkung - Muskelriss, wie sich später herausstellte. "Ich hab’s knacken gehört", murmelte er später in der Mixed Zone, "aber wenigstens hab ich vorher noch eine Vorlage geliefert." Robert Böttcher kam für ihn - und brachte frischen Wind, auch wenn der Wind eher in Böen als in Stürmen wehte. Bohemios versuchte, Cerrense hinten festzunageln, doch die Gäste verteidigten clever. Ihre Taktik blieb ausgewogen, aber aggressiver, wie die Daten verraten: ab Minute 46 ging Cerrense auf "stark" in Aggressivität und Einsatz. Der Schiedsrichter hatte Mühe, die Gemüter im Griff zu behalten, und Mikael Pyykkö von Bohemios sah in der 20. Minute Gelb - eine Erinnerung daran, dass auch der rechte Verteidiger mal über die Stränge schlagen darf. In der Schlussphase wurde das Spiel wild. Hugo Domingos prüfte Cerrenses Keeper Joseba Mendes gleich dreimal (40., 69., 83.), aber der Torwart hielt, als hätte er Kleber an den Handschuhen. Auf der anderen Seite verpasste Salvador Meira die Vorentscheidung, als er in der 78. Minute freistehend vergab. Und dann kam die 89. Minute, die, wie so oft im Fußball, eine ganze Woche retten kann. Finlay MacGregor, bis dahin eher unauffällig, stürmte über rechts, bekam den Ball von Domingos und zog einfach ab - flach, präzise, unhaltbar. 2:2! Das Stadion explodierte. "Ich hab gar nicht richtig gezielt", gestand MacGregor später lachend, "ich wollte nur mal gucken, ob der Ball auch mich mag." Trainer Gnipeur von Cerrense stapfte danach mit finsterer Miene in die Kabine. "Wir haben das Spiel kontrolliert und dann… tja, kontrolliert verloren." Ein Satz, der wohl in keinem Lehrbuch für Mannschaftsführung auftauchen wird. Die Statistik liest sich am Ende wie ein Spiegelbild der Partie: Cerrense mit leichtem Übergewicht bei Ballbesitz (53:47) und Torschüssen (16:11), Bohemios mit mehr Herz, Mut und - man muss es sagen - einem besseren Timing. Das Unentschieden fühlte sich für Cerrense wie eine Niederlage an, für Bohemios dagegen wie ein kleines Fest. Die Fans sangen noch lange nach Schlusspfiff, und auf der Pressetribüne meinte ein Kollege trocken: "Wenn sie so weiter spielen, brauchen sie bald keine Defibrillatoren mehr im Stadion - das übernehmen die Spieler." Vielleicht war es kein perfektes Spiel. Aber es war eines dieser Abende, an denen Fußball alles ist: tragisch, komisch, unberechenbar - und wunderschön. Schlusswort: Bohemios Montevideo hat sich an diesem Abend selbst daran erinnert, dass ein Spiel erst vorbei ist, wenn der Schiedsrichter pfeift. Und manchmal, ganz selten, fühlt sich ein 2:2 eben an wie ein 3:2. 07.07.643993 08:43 |
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