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Es war ein Abend, an dem man sich in Luzern fragte, ob der Fußballgott eine Vorliebe für den Zürcher Dialekt hat. 41.292 Zuschauer im Stadion an der Reuss sahen eine Partie, die alles bot: Tempo, Tore, hitzige Zweikämpfe - und am Ende einen Gast aus Zürich, der mit einem 3:2-Sieg die Punkte entführte. Blau-Weiss gegen Blau-Weiss - das klingt nach einem Freundschaftsspiel, war aber am 3. Spieltag der 1. Liga Schweiz ein beinharter Schlagabtausch. Luzern startete wie ein D-Zug: offensiv ausgerichtet, Flügelspiel, viel Einsatz, aber wenig Präzision. Zürich dagegen lauerte, wie es sich für ein Team gehört, das "auf Konter spielt" - laut den taktischen Notizen von Trainer Felix Stoch eine durchaus bewusste Strategie. Bereits in der 19. Minute setzte Pedro Corcoles den ersten Stich. Der flinke Linksaußen zog nach schöner Vorarbeit von Hugo Morais nach innen und versenkte den Ball trocken ins lange Eck - 0:1. Die Zürcher Bank jubelte, während Luzerns Trainer Reinhard Wild an der Seitenlinie mit den Armen wedelte, als wolle er seinen Spielern die Flugbahn des Balles erklären. "Wir wussten, dass sie über Corcoles kommen würden. Wir wussten es - und haben’s trotzdem zugelassen", grummelte Wild später. Doch Luzern wäre nicht Luzern, wenn sie sich so leicht geschlagen gäben. Kurz vor der Pause, in der 43. Minute, setzte Piotr Chawanow ein Zeichen. Nach einem feinen Pass von Roger Römer schlenzte der rechte Mittelfeldspieler den Ball ins Netz - 1:1. "Ich hatte das Gefühl, der Ball hat mich ausgewählt, nicht umgekehrt", grinste Chawanow nach dem Spiel. Die zweite Halbzeit begann furios - und mit einem Hoffnungsschimmer für die Gastgeber. Nur vier Minuten nach Wiederanpfiff brachte Robert Locklear Luzern erstmals in Führung (49.). Finn Hougaard hatte den Ball clever durchgesteckt, Locklear blieb cool und schob ein. Das Stadion tobte, und Reinhard Wild drehte sich zum vierten Offiziellen und rief: "So spielt man Flügel-Fußball!" Wer dachte, dass Zürich nun auseinanderfällt, wurde eines Besseren belehrt. Drei Minuten später schlug Hugo Morais zurück, nach Vorlage von Joseph Jean-Pierre (52.). Und kaum hatten die Luzerner die Köpfe wieder gehoben, legte Emilio Urrutia nach - 54. Minute, 2:3. Manuel Moutinho hatte den Angriff eingeleitet, Urrutia vollstreckte mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der schon im Training keine halben Sachen macht. "Ich schieße lieber einmal zu viel als zu wenig", sagte der Stürmer trocken - und grinste dabei, als hätte er gerade ein Eis gewonnen. Von da an entwickelte sich ein Spiel auf ein Tor - allerdings auf jenes der Luzerner. Zürich schloss insgesamt 17 Mal ab, Luzern brachte es auf 7 Schüsse. Der Ballbesitz sprach ebenfalls für die Gäste (55 Prozent zu 45), die zudem in den Zweikämpfen präsenter waren. Zwei Gelbe Karten für Dahlin (69.) und Lujan (80.) zeigten, dass die Zürcher ihre "strong aggressivity", wie die Analysten sagen würden, auch wörtlich nahmen. Reinhard Wild reagierte mit mehreren Wechseln - Benveniste kam für den jungen Franck Stock (63.), später Julien Achard für Hougaard (73.) und Henry Roades für Locklear (79.). Doch die frischen Beine brachten keine Wende. "Wir haben alles probiert, sogar das, was wir gar nicht trainiert haben", seufzte Wild nach der Partie. Auf der anderen Seite zeigte sich Stoch zufrieden, aber nicht euphorisch: "Wir haben gut reagiert, als es brenzlig wurde. Und unsere Routine hat am Ende den Unterschied gemacht." Tatsächlich war es beeindruckend, wie abgeklärt seine Mannschaft das Ergebnis über die Zeit brachte. Selbst als Luzerns Youngster Phillip Lavoie in der 81. Minute noch einmal gefährlich abschloss, blieb Torhüter Cesar Pauleta gelassen - und hielt. So blieb es beim 3:2 für Zürich - ein Ergebnis, das den Spielverlauf treffend widerspiegelt: Luzern mit Herz, Zürich mit Hirn. Nach dem Abpfiff stand Emilio Urrutia noch am Mittelkreis und applaudierte den mitgereisten Fans. "Wir heißen beide Blau-Weiss", rief er lachend, "aber heute war’s wohl ein bisschen mehr Blau!" Ein Schelm, wer da an die Tabelle denkt: Zürich klettert mit diesem Sieg nach oben, während Luzern noch nach der Balance zwischen Angriffslust und Absicherung sucht. Vielleicht hilft ja ein Farbwechsel - oder einfach ein bisschen weniger Naivität vor dem eigenen Tor. Und so schließt sich der Kreis eines denkwürdigen Abends: zwei Teams in denselben Farben, aber mit unterschiedlicher Handschrift. Luzern malte mit Leidenschaft, Zürich mit feiner Feder. Am Ende stand ein Kunstwerk, das selbst Kritiker anerkennend nicken ließ - auch wenn es für die Heimmannschaft eher ein Stillleben blieb. 04.12.643993 18:28 |
Sprücheklopfer
Man darf über ihn jetzt nicht das Knie brechen.
Rudi Völler