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Ein lauer Märzabend, 44.206 Zuschauer im ausverkauften Swisspor-Stadion und zwei Teams, die sich nichts schenken wollten: Blau-Weiss Luzern gegen Brühl St. Gallen - ein Duell, das anfangs nach blau-weisser Dominanz aussah, am Ende aber in grün-weißem Jubel endete. Schon nach neun Minuten bebte die Tribüne, als Diego Giuliani, der flinke Rechtsaussen, nach Zuspiel von Finn Hougaard das 1:0 erzielte. Giuliani lief jubelnd zur Eckfahne, während Trainer Reinhard Wild an der Seitenlinie nur die Faust ballte. "Das war so ein Moment, wo du denkst: Heute läuft’s!", grinste Giuliani später - zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, wie sehr er sich täuschen sollte. Denn Brühl antwortete nur elf Minuten später. Sven Parent, 32, ein Stürmer alter Schule mit der Eleganz eines Betonmischers, aber der Präzision eines Uhrwerks, glich nach Vorlage von Luca Carey aus. "Ich hab’ den Ball einfach getroffen", meinte Parent trocken, "diesmal ist er halt reingegangen." Zur Pause stand es 1:1, und die Zuschauer diskutierten in Bierlaune über die Chancenflut. Luzern hatte mehr Wucht über die Flügel, Brühl hielt mit kurzen Pässen durch die Mitte dagegen. Die Torschussstatistik (12:15 aus Sicht der Gäste) verriet, dass hier zwei Offensivabteilungen arbeiteten, als gäbe es kein Morgen. Direkt nach Wiederanpfiff folgte die Szene, die Luzern wieder hoffen ließ: In der 46. Minute rauschte Rechtsverteidiger Pierre Gramont nach vorne, Roger Römer legte quer - und Gramont hämmerte das Leder ins Netz. 2:1, Stadion in Ekstase. "Ich hab’ selbst nicht verstanden, warum ich da war", lachte der 32-Jährige nach dem Spiel, "aber manchmal muss man einfach die innere Stimme hören - und die schrie: Lauf!" Doch Brühl hatte das letzte Wort. Der erfahrene Stephane Barre, 33, drehte das Spiel fast im Alleingang. Erst in der 57. Minute, nach feinem Pass von Parent, dann zehn Minuten später erneut, diesmal nach Vorarbeit von Michael Keller - zweimal Barre, zweimal eiskalt. "Wir haben einfach weiter an uns geglaubt", sagte der Doppeltorschütze, der in seiner unaufgeregten Art fast Mitleid mit den Gastgebern weckte. Reinhard Wild hingegen stand fassungslos an der Seitenlinie. "Wir haben uns bei den Gegentoren zu naiv verhalten", knurrte der Luzerner Coach nach dem Abpfiff. "Drei Mal lassen wir den gleichen Kerl schießen - das ist fast schon Gastfreundschaft." Auf der anderen Seite war Brühls Trainer Thomas Sprecher sichtlich zufrieden: "Wir wussten, dass Luzern viel über die Flügel kommt. Also haben wir ihnen die Mitte überlassen - und dann zugestochen, wenn sie zu weit vorne standen." Eine Taktik aus dem Lehrbuch, nüchtern durchgezogen, aber mit einer Prise Schweizer Effizienz. Die Statistik unterstreicht das Bild: 52,7 Prozent Ballbesitz für Brühl, dazu eine leicht bessere Zweikampfquote (51,8 zu 48,2 Prozent). Luzern kämpfte, rannte, flankte - aber am Ende fehlte das Quäntchen Cleverness. In der Schlussphase brachte Wild den 17-jährigen Henri Diarra - ein Hauch jugendlicher Hoffnung in einem zunehmend zerfahrenen Spiel. Diarra hatte in der 85. Minute sogar die Ausgleichschance, sein Schuss aber landete in den Armen von Jamie Henderson, Brühls eingewechseltem Torhüter. Der 33-Jährige grinste danach: "Ich hab’ gedacht, ich komm’ eh nicht mehr rein - und dann darf ich in Luzern den Sieg festhalten. Läuft." Nach dem Schlusspfiff applaudierten die Luzerner Fans trotzdem. Vielleicht aus Respekt, vielleicht aus Verzweiflung. "Das war kein schlechtes Spiel", meinte Kapitän Robert Mantovani, "aber wir müssen lernen, dass 70 gute Minuten nicht reichen." Und tatsächlich: Blau-Weiss spielte gefällig, hatte Phasen, die nach großer Zukunft schmeckten - nur das Ergebnis schmeckte bitter. Brühl St. Gallen dagegen zeigte, dass man auch mit 33-jährigen Torjägern und einem 17-jährigen Joker den Favoriten ärgern kann. Ein Beobachter auf der Pressetribüne fasste es treffend zusammen: "Luzern fliegt über die Flügel, Brühl trifft durchs Zentrum. Am Ende gewinnt, wer den kürzeren Weg kennt." Vielleicht bringt das nächste Heimspiel wieder Jubel statt Stirnrunzeln. Bis dahin bleibt den Luzernern nur der Trost, dass schöne Spiele manchmal keine Punkte bringen - aber immerhin Geschichten, die man gerne weitererzählt. 30.07.643993 10:35 |
Sprücheklopfer
Ich bin davon überzeugt, dass wir die, die nicht davon überzeugt sind, davon überzeugen werden.
Christian Ziege zur Skepsis vieler deutscher Fußballfans und -experten hinsichtlich des Abschneidens der DFB-Auswahl bei der WM 2002