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Es war einer dieser Abende in Luzern, an denen 39.578 Zuschauer schon nach wenigen Minuten ahnten, dass sie Zeugen eines kleinen Fußballfestivals werden würden. "Wir wollten von Anfang an wach sein", sagte später Luzerns Trainer Reinhard Wild mit einem Grinsen, das irgendwo zwischen Zufriedenheit und Erleichterung pendelte. Wach war gar kein Ausdruck - die Blau-Weißen waren hellwach, überdreht, fast manisch spielfreudig. Nach nur zwei Minuten zappelte der Ball im Netz, und von da an ließ der Gastgeber die Gäste aus Zürich kaum noch Luft holen. Roger Römer, der flinke Flügelspieler mit der jugendlichen Unbekümmertheit, eröffnete den Torreigen früh. Nach einem energischen Vorstoß von Linksverteidiger Jesus Langer schob Römer den Ball überlegt ins lange Eck. "Ich hab gar nicht gezielt", gab er hinterher lachend zu. "Ich wollte eigentlich flanken - aber das verraten Sie bitte nicht meinem Trainer." Wild stand daneben, schüttelte den Kopf und meinte trocken: "Dann soll er halt öfter flanken." Rot-Weiss Zürich fand danach zwar kurzzeitig ins Spiel, mehr Ballbesitz (51 Prozent) half aber nicht weiter, wenn der Ball nur selten dorthin kam, wo es wirklich zählt. Zwei kümmerliche Torschüsse sprechen Bände. Dagegen feuerten die Luzerner 21 Mal aufs Tor - und oft war Torwart Harry Craven der einzige Grund, warum das Ergebnis nicht zweistellig wurde. In der 24. Minute legte Robert Mantovani nach - eiskalt, mit dem Selbstverständnis eines Stürmers, der weiß, dass heute alles gelingt. Julien Achard hatte den Pass in die Tiefe gespielt, Mantovani machte zwei Schritte und lupfte lässig über den Keeper. "Ich hab den Ball reingeschmeichelt", erklärte Mantovani später, "das war kein Schuss, das war ein Liebesbrief an die Latte." Zur Halbzeit führte Luzern 2:0 und hätte sich dabei über vier oder fünf Tore nicht beschweren dürfen. Zürichs Trainer Ha Luncke stand wie ein Fels in der Brandung - oder besser: wie ein Fels, den gerade die Wellen überrollen. "Wir hatten einen Plan", sagte er nach dem Spiel, "aber Luzern hat ihn nicht gelesen." Nach dem Seitenwechsel änderte sich nichts. Mantovani legte in der 50. Minute sein zweites Tor nach, nachdem Robert Locklear ihm eine butterweiche Vorlage servierte. Wieder war Craven chancenlos. Im Stadion brandete ein Jubel auf, der von Minute zu Minute in Richtung ausgelassene Party driftete. Die Fans sangen, die Pappbecher flogen, und irgendwo auf der Tribüne brummte ein älterer Herr zufrieden: "So spielt man Fußball, nicht dieses Ball-Geschiebe, das die Zürcher da machen." Zürich reagierte mit Härte statt Ideen. In der 70. Minute sah Sebastien Lenentine Gelb, nachdem er Luzerns Daniel Barros an der Seitenlinie umgegrätscht hatte - "aus Versehen", wie er später beteuerte. Barros quittierte es in der 76. Minute mit der sportlichsten aller Antworten: Er bediente Römer mit einem präzisen Zuspiel, und der traf zum zweiten Mal. 4:0, Feierabend. "Ich hab ihm einfach den Ball gegeben, damit er aufhört, mich zu nerven", grinste Barros nach dem Spiel. Trainer Wild nutzte die komfortable Führung, um den Teenager Phillip Lavoie (17) für Mantovani zu bringen. Der durfte in der 92. Minute sogar noch aufs Tor schießen - knapp vorbei, aber das Publikum feierte ihn, als hätte er das Siegtor erzielt. "Ich hab’ gezittert", gab Lavoie zu. "Aber das Zittern war vor Freude." Statistisch gesehen war es ein Spiel der Paradoxien: Luzern mit weniger Ballbesitz, aber unfassbarer Effizienz und Aggressivität im Zweikampf (58 Prozent gewonnen). Zürich spielte zwar mit offenem Visier, aber ohne Kompass. Ihre langen Bälle verpufften, ihre Flügelläufe endeten meist dort, wo Langers linkes Bein begann. Nach dem Schlusspfiff klatschten die Luzerner Spieler ausgelassen ab, während Rot-Weiss Zürichs Kapitän Carlos de Vivar die Mannschaft wortlos vom Feld führte. "Manchmal", sagte Luncke noch, "ist Fußball einfach unfair." - In diesem Fall dürfte er eher ehrlich gewesen sein. Und irgendwo in der Mixed Zone hörte man Reinhard Wild leise sagen: "Wenn wir so weiter spielen, muss ich bald anfangen, an Wunder zu glauben." Vielleicht war das kein Wunder - aber ein 4:0, das in Luzern noch lange nachhallen wird. 01.01.643988 08:39 |
Sprücheklopfer
Lorant ist von seinem Niveau her bei einem Verein, der sein Niveau hat.
Oliver Kahn