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Wenn 38.566 Zuschauer an einem frostigen Januarabend ins Stadion pilgern, dann muss etwas in der Luft liegen - und tatsächlich, es lag viel in der Luft: Spannung, Hoffnung und der Duft von Bratwurst und Enttäuschung. Am 18. Spieltag der 1. Liga Schweiz zeigte Blau-Weiss Luzern dem FC Wil, wie effizient Fußball aussehen kann. Trotz weniger Ballbesitz (42 zu 58 Prozent) reichte den Luzernern ein cleveres Spielkonzept, um einen 3:1-Auswärtssieg einzufahren. Dabei begann alles so verheißungsvoll für die Wiler. Schon in der 7. Minute zündete Ewan Farquharson, der 33-jährige Dauerläufer und Taktgeber im Mittelfeld, einen satten Schuss aus 20 Metern. Ellis Kirwan hatte mustergültig aufgelegt - und Farquharson tat, was Führungsspieler tun: den Ball ins Netz donnern. 1:0, das Stadion vibrierte. Trainer Nico Meng klatschte euphorisch in die Hände und rief seinen Jungs zu: "So spielt man Fußball, Männer!" - ein Satz, der sich später als bittere Ironie herausstellen sollte. Denn ab da übernahmen die Gäste immer mehr das Kommando - und das, obwohl sie nominell weniger vom Spiel hatten. "Wir wollten Wil kommen lassen und dann zuschlagen", erklärte Luzern-Coach Reinhard Wild nach der Partie mit einem süffisanten Grinsen. Seine Mannschaft hielt sich strikt an diesen Plan. In der 34. Minute war es ausgerechnet Rechtsverteidiger Pierre Gramont, der nach einem Freistoß von Jean-Pierre Carey goldrichtig stand. Ein Abstauber, wie man ihn in Luzern wohl einrahmen wird: 1:1, Ausgleich noch vor der Pause. "Da haben wir kurz geschlafen, und Gramont hat uns den Wecker gestellt", knurrte Wils Keeper Christophe Arnaud später. Und tatsächlich: Die Hausherren wirkten danach, als hätten sie ihre Energie in den ersten 20 Minuten komplett verfeuert. Nach dem Seitenwechsel zeigte Blau-Weiss Luzern, warum sie zu den effizientesten Teams der Liga gehören. Dylan Bosworth, der unauffällige Strippenzieher im Mittelfeld, nahm in der 51. Minute Maß und traf mit einem Flachschuss ins rechte Eck - 1:2, eiskalt wie der Winterabend selbst. Marcel Benveniste, der junge Innenverteidiger, leitete den Angriff mit einem weiten Pass ein, der die Wiler Abwehr aussehen ließ, als wäre sie zum Aufwärmen auf dem Platz geblieben. "Wir standen eigentlich gut", verteidigte sich Trainer Meng später. "Aber dann stand’s halt schlecht." Luzern roch Blut. Nur elf Minuten später machte Felipe Caballero den Deckel drauf - und wie! Nach einer butterweichen Hereingabe von Linksverteidiger Jesus Langer drosch Caballero das Leder volley in den Winkel. Ein Tor, das selbst den neutralen Zuschauer zum Aufstehen zwang. 3:1 in der 62. Minute - und der Rest war Schaulaufen. Wil versuchte es weiter, mit immerhin neun Torschüssen und fast 58 Prozent Ballbesitz, aber die Präzision blieb irgendwo zwischen Mittellinie und gegnerischem Strafraum auf der Strecke. Mika Kolkka verzog in der 68. Minute knapp, Ellis Kirwan scheiterte in der 76. Minute an Luzerns Schlussmann Robert Siebert, der an diesem Abend kaum geprüft wurde, aber stets Herr der Lage blieb. Luzern dagegen spielte den Vorsprung souverän herunter, wechselte klug und brachte mit den jungen Franck Stock (18) und Jan Born (19) frisches Blut ins Spiel. "Die Jungs haben Bock, das spürt man. Und wenn man 3:1 führt, darf man auch mal die Zukunft einwechseln", witzelte Coach Wild anschließend. Nach Abpfiff herrschte in Wil gedrückte Stimmung. "Wir hätten mehr draus machen müssen", seufzte Torschütze Farquharson, während er sich die Schweißperlen von der Stirn wischte. "Aber Fußball ist halt kein Wunschkonzert." Die Statistik erzählte die Geschichte eines Teams, das zwar mehr Ball hatte, aber weniger daraus machte: 9 zu 16 Torschüsse, 46 Prozent gewonnene Zweikämpfe - Zahlen, die in der Wiler Kabine wohl wenig Trost spenden dürften. Blau-Weiss Luzern dagegen darf sich über drei hochverdiente Punkte freuen und beweist, dass Ballbesitz nicht alles ist, solange man weiß, was man mit dem Ball anfangen soll. Oder wie Pierre Gramont beim Rausgehen sagte: "Wir haben den Ball vielleicht nur halb so oft gesehen, aber doppelt so oft was damit angefangen." Ein Satz, der in Wil wohl noch nachhallen wird - lauter als jede Bratwurstbude nach Spielende. 15.08.643987 11:40 |
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