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| +++ Sportzeitung für Serbien +++ |
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Manchmal fragt man sich, ob Fußball wirklich ein Mannschaftssport ist - oder ob einzelne Spieler einfach beschließen, dass genug geredet wurde. Am 29. Spieltag der 1. Liga Serbien verwandelte sich das Stadion von Banja Luka in ein Freilichtmuseum für Offensivkunst, während Selen Belgrad zusehends in eine tragikomische Statistenrolle glitt. 49.515 Zuschauer erlebten ein 7:0 der Marke "historisch". Dabei begann alles so harmlos. Die erste Halbzeit erinnerte an einen dieser Sonntage, an denen man lieber den Rasen mäht, als 45 Minuten torloses Hin und Her zu betrachten. Banja Luka dominierte mit 57,8 Prozent Ballbesitz und 25 Torschüssen insgesamt - aber zur Pause stand es 0:0. "Ich habe in der Kabine gesagt: Jungs, wir spielen gerade wie bei einem Testspiel im Regen", grinste Trainer Stojko Blombovic später. Offenbar hatten seine Worte eine Art Wunderwirkung. Denn kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen, brannte das Stadion. In der 52. Minute eröffnete Adam Miller den Torreigen - nach feiner Vorlage von Domingo Granero. "Ich musste nur noch den Fuß hinhalten", gab Miller bescheiden zu, "Domingo hat mir den Ball quasi auf dem Silbertablett serviert." Acht Minuten später revanchierte sich Andrade mit einem wuchtigen Schuss zum 2:0, wieder nach Vorarbeit von Miller. Selen Belgrad, bis dahin bemüht, aber harmlos, verlor ab diesem Moment komplett den Faden. Nebojsa Nad sah nach zwei ungestümen Aktionen binnen 15 Minuten Gelb-Rot. Trainer Hans-jürgen Strohmeier hob danach nur die Augenbrauen: "Wir wollten offensiv stehen, aber offenbar standen wir zu oft daneben." Mit einem Mann mehr ließ Banja Luka den Ball laufen, als wäre er an einer unsichtbaren Schnur befestigt. In der 62. Minute erhöhte Aleksandar Stankovic - nach Traumpass von Linksverteidiger Mika Ukkonen - auf 3:0. "Ich dachte, er flankt", lachte Stankovic später, "aber dann kam der Ball genau dorthin, wo nur ich ihn kriegen konnte." Was folgte, war ein Lehrfilm in Sachen Offensivwucht. Domingo Granero, 22 Jahre jung und offenbar mit Jettriebwerken in den Beinen, traf in der 72. und 86. Minute doppelt. Dazwischen legte Marco Andrade in Minute 75 nach, ehe Stankovic mit seinem zweiten Treffer in der 83. die Sache endgültig zur Gala machte. Das Publikum stand längst, sang, jubelte, tanzte. Einer rief sogar: "Lasst sie laufen!", als die Gäste kaum noch aus der eigenen Hälfte herauskamen. Der junge Belgrader Torhüter Albert Dordevic, zarte 17 Jahre alt, konnte einem fast leidtun. "Ich habe irgendwann aufgehört, zu zählen", murmelte er nach dem Spiel. Selen Belgrad brachte in der Offensive kaum etwas zustande - vier Torschüsse, keiner zwingend. Harvey Kendall versuchte es zwar mehrfach, doch meist endete der Ball irgendwo im Nirgendwo. "Wenn du nicht triffst, sieht’s halt blöd aus", sagte er trocken. Banja Luka dagegen spielte sich in einen Rausch. Die Flügelzange Costa und Stankovic rannte unermüdlich, Miller zog im Zentrum die Fäden, und hinten räumte Ranisav Tosic alles ab, was sich bewegte - und kassierte dafür immerhin die einzige Gelbe Karte seines Teams. "Ich wollte nur zeigen, dass wir auch verteidigen können", meinte er mit einem Augenzwinkern. Trainer Blombovic blieb nach dem Schlusspfiff erstaunlich gelassen. "Sieben Tore sind schön, aber ich hab’s lieber, wenn wir acht machen", witzelte er. Ganz anders Strohmeier: "Ich bin seit 20 Jahren Trainer, aber so etwas hab ich noch nie erlebt. Vielleicht hätten wir heute besser Schach gespielt." Als die Sonne über Banja Luka versank, verließen die Fans das Stadion mit einem breiten Grinsen. Einige tuschelten schon, ob dieser Abend der Beginn einer neuen Ära sei. Und wer will es ihnen verdenken? Wenn eine Mannschaft in 45 Minuten sieben Tore schießt, darf man ruhig ein bisschen träumen. Am Ende bleibt das Fazit: Banja Luka hat nicht nur gewonnen, sie haben Belgrad förmlich zerlegt. 7:0 - ein Ergebnis, das in die Geschichtsbücher der Liga eingehen dürfte. Und irgendwo in einer stillen Kabine wird Hans-jürgen Strohmeier wohl noch immer den Kopf schütteln und denken: "Wie konnte das nur passieren?" Vielleicht wird er die Antwort nie finden. Aber in Banja Luka weiß man sie längst - Leidenschaft, Tempo, Spaß am Spiel. Und ab und zu einfach die Lust, den Gegner in seine Einzelteile zu zerlegen. 01.01.643988 04:55 |
Sprücheklopfer
Statistiken, Statistiken, für Statistiken habe ich mich schon früher nicht interessiert. Statistiken sind dafür da, um gebrochen zu werden.
Matthias Sammer