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Es war einer dieser Abende, an denen Fußball alles sein kann: Drama, Komödie und Tragödie - manchmal alles in derselben Minute. Der FC Altstetten und der SV Locarno trennten sich am 4. Spieltag der 1. Liga Schweiz vor 31.023 Zuschauern mit 2:2 (0:1). Ein Ergebnis, das beide Teams auf unterschiedliche Weise wurmte - die einen, weil sie zu spät aufwachten, die anderen, weil sie zu früh durchdrehten. Die Partie begann mit einem Paukenschlag - allerdings akustisch, denn die Fans von Altstetten machten schon beim Einlaufen klar, wer hier das Heimrecht hat. Auf dem Platz dagegen war zunächst Locarno Herr der Lage. Der Ball lief ruhig durch die Reihen, während Altstetten mit seiner offensiven Ausrichtung eher wie ein aufgeregter Teenager wirkte, der zu viel Energy Drink getrunken hatte. In der 35. Minute kam, was kommen musste: Ulvi Aziz, Locarnos erfahrener Linksaußen, setzte sich nach einem feinen Zuspiel von Tommaso Caruso durch und netzte eiskalt zum 0:1 ein. "Ich hab einfach geschossen, bevor ich drüber nachdenken konnte - das ist bei mir meistens besser so", grinste Aziz nach dem Spiel. Nach der Pause schien Altstetten entschlossener, aber ehe sie richtig Tritt fassten, schlug Locarno erneut zu. In der 52. Minute schloss Caruso selbst ab - diesmal nach Vorlage von Luigi Nocera - und erhöhte auf 0:2. Manch einer im Stadion dachte da wohl schon ans frühe Verlassen der Tribüne, doch Trainer Simon Baudach blieb stoisch. "Ich hab den Jungs gesagt: Wenn ihr schon verliert, dann wenigstens mit Würde - und wenn’s geht, mit Toren", erzählte der Coach später mit einem schiefen Lächeln. Und siehe da: Die Worte wirkten Wunder. In der 64. Minute brachte Ognjen Milosevic die Gastgeber nach einem Kopfballtor zurück ins Spiel. Den Freistoß hatte Innenverteidiger Jannik Albers butterweich in den Strafraum gezirkelt. "Ich hab einfach gehofft, dass einer drunterläuft - Ogi war da, also war das Glück wohl auf unserer Seite", sagte Albers, der sich kurz darauf fast selbst auf die Schulter klopfte. Locarno begann zu wackeln, Altstetten drückte. Trainer Baudach wechselte frischen Wind ein: Der junge Frank Matthieu kam für Milosevic, und im Tor durfte der 19-jährige Bernd Leno sein Pflichtspieldebüt feiern. "Ich hatte kalte Hände, aber heiße Gedanken", sagte der Nachwuchskeeper später und grinste dabei so breit, dass man ihm das 0:2 fast wieder zutraute. Dann kam die 80. Minute - und mit ihr der Moment, in dem Locarno sich selbst besiegte. Harald Wegner, bis dahin unauffällig im Mittelfeld, sah nach einer übermotivierten Grätsche glatt Rot. "Ich wollte nur den Ball. Leider war der Ball gerade weg", murmelte er nach dem Spiel. Zehn Mann, zehn Minuten - und Altstetten roch Blut. In der Nachspielzeit explodierte das Stadion. Der 19-jährige Christian Schmitz, gerade erst eingewechselt, fasste sich aus gut 18 Metern ein Herz und traf nach Vorlage von Thomas Bedard zum umjubelten 2:2. "Ich hab gar nicht gesehen, dass der Ball drin ist, bis mir Bedard fast die Rippen gebrochen hat beim Jubel", lachte der Youngster. Statistisch gesehen war das Remis verdient: Altstetten hatte mit 52 Prozent Ballbesitz und 11 Torschüssen leicht die Nase vorn, während Locarno mit sechs Abschlüssen erstaunlich effizient agierte - zumindest bis zur roten Karte. Die Zweikampfquote sprach mit 54 Prozent ebenfalls für die Hausherren, was Trainer Baudach trocken kommentierte: "Endlich mal mehr gewonnene Zweikämpfe als Diskussionen mit dem Schiedsrichter." Locarnos Coach - der sich nach dem Spiel weigerte, mehr als ein knappes "Kein Kommentar" in die Mikrofone zu hauchen - dürfte vor allem über die Disziplin seiner Mannschaft nachdenken müssen. Drei Gelbe Karten und eine Rote sprechen eine deutliche Sprache. Am Ende fühlte sich das Unentschieden für Altstetten an wie ein Sieg und für Locarno wie eine schmerzhafte Niederlage. Die Fans jedenfalls feierten, als hätte man die Meisterschaft gewonnen. "Das war kein schönes Spiel, aber ein ehrliches", resümierte Baudach beim Gang in die Kabine. "Und manchmal reicht das, um die Nacht ruhig zu schlafen." Ob Locarno das auch kann, darf bezweifelt werden. Denn wer in der 91. Minute den Sieg herschenkt, schläft selten gut - höchstens kurz. 16.12.643993 09:32 |
Sprücheklopfer
Man darf über ihn jetzt nicht das Knie brechen.
Rudi Völler