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Wenn es in Sibirien schneit, dann nicht leise - und Zvezda Irkutsk hat das am 5. Spieltag der 1. Liga Russland eindrucksvoll bestätigt. Vor 14.595 wetterfesten Zuschauern im heimischen Stadion fegte das Team von Trainer Alex Alex den Favoriten Ruby Kasan mit 3:1 vom Platz. Ein Ergebnis, das so klar wie verdient war - und das bei fast ausgeglichenem Ballbesitz (49 zu 51 Prozent) und einem Schussverhältnis von 20 zu 9 zugunsten der Gastgeber. Schon in der 14. Minute eröffnete Duarte Xavier die sibirische Festspiele. Nach feinem Pass von Stille Ganesvoort tauchte der 22-jährige Portugiese frei vor Kasans Torhüter Jannis Hauser auf und schob eiskalt ein. "Ich hab einfach nur den Schnee weggekickt - der Ball ist von selbst reingerutscht", grinste Xavier später, während ihm noch die Eiskristalle aus dem Bart tauten. Sieben Minuten später derselbe Mann, dieselbe Kälte, dieselbe Präzision: Wieder war Xavier zur Stelle, diesmal nach Vorlage von Xabier Castro. 2:0 - und die Fans sangen trotz Minusgraden aus voller Kehle. "Wir wollten offensiv bleiben, egal wie der Wind bläst", erklärte Coach Alex Alex nach dem Spiel, sichtlich zufrieden mit der Umsetzung seines Plans. Ruby Kasan dagegen schien in der ersten Halbzeit wie eingefroren. Zwar besaßen die Gäste etwas mehr Ball, aber kaum Ideen. Nur Jefrem Sjomin sorgte mit einem Fernschuss in der 11. Minute für ein Lebenszeichen - daneben. Trainer Alex’ Gegenüber, der wortkarge Kasan-Coach (dessen Namen die Reporter offenbar vergessen hatten zu notieren), stapfte währenddessen im Parka auf und ab und murmelte etwas von "fehlendem Feuer". Nach der Pause kam Ruby tatsächlich aus der Kabine wie neu entfacht. In der 47. Minute traf Jaroslaw Nabokow, der rechte Flügelstürmer mit der Erfahrung von 34 Jahren, nach feiner Flanke von Verteidiger Carl Tarrega zum 2:1. "Wir wollten zeigen, dass wir noch leben", sagte Nabokow später, "aber Irkutsk hat uns gleich wieder eingefroren." Denn kaum zehn Minuten später stellte Zvezda den alten Abstand wieder her. Der 17-jährige Viktor Koschewnikow bediente Xabier Castro, der mit einem satten Linksschuss zum 3:1 traf (57.). Castro hob danach entschuldigend die Hände, als wollte er sagen: Tut mir leid, dass es so schön war. Kurz darauf durften die Zuschauer gleich zweimal aufstehen - erst für einen Wechsel, dann für ein Schmunzeln: Der Doppeltorschütze Xavier verließ den Platz, und Vicente Zahinos kam - der prompt dreimal aufs Tor schoss, aber jedes Mal Hauser fand. "Ich wollte meinen Beitrag leisten", sagte Zahinos lachend. "Aber Duarte hat wohl alle Tore des Abends für sich reserviert." Das Spiel blieb auch in der Schlussphase lebhaft. Kasan kassierte zwei Gelbe Karten (Sjomin 70., Tarrega 72.), und Mittelfeld-Routinier Stefan Schultz musste nach einem Zusammenprall verletzt raus (74.). "Das Knie hat geknackt wie der Schnee unter den Schuhen", meinte er tapfer beim Abgang. Sein Ersatz, der junge Carl Forque, brachte zwar frischen Wind, aber keine Wende. In der 90. Minute dann noch ein unrühmlicher Schlusspunkt: Zvezdas Innenverteidiger Wladimir Anjukow sah Rot nach einem übermotivierten Einsteigen. Trainer Alex Alex kommentierte trocken: "Er wollte wohl sicherstellen, dass er die Dusche nicht verpasst." Statistisch war es eine Partie auf gutem Niveau: Zvezda gewann 54 Prozent der Zweikämpfe, spielte schnörkellos und suchte mit 20 Abschlüssen immer wieder den direkten Weg zum Tor. Ruby Kasan agierte gepflegt, aber harmlos - wie ein Samowar ohne Feuer. Die Gastgeber dagegen legten die Messlatte hoch: offensiv, mutig, manchmal wild, aber immer gefährlich. Nach dem Abpfiff standen die Fans noch lange auf den Rängen, winkten mit Fahnen und riefen "Zvezda!". Der junge Keeper Gennadi Smertin, der in der 58. Minute den routinierten Laurent Boyer ersetzte, strahlte: "Ich hab kaum was halten müssen - meine Abwehr war heute eine Mauer." Vielleicht ein bisschen übertrieben, aber wer will’s ihm verdenken: mit 17 Jahren, Debüt in der 1. Liga und gleich ein Sieg im sibirischen Winter. Zvezda Irkutsk tanzt also weiter auf der Erfolgswelle, während Ruby Kasan sich fragen muss, wo die eigene Wärme geblieben ist. Ein Spiel, das weniger durch Ballbesitz als durch Leidenschaft entschieden wurde - und durch einen Duarte Xavier, der an diesem Abend einfach heißer war als der Frost. Oder wie ein Fan beim Hinausgehen sagte, in dicken Handschuhen und mit breitem Grinsen: "Wenn das so weitergeht, kaufen wir uns Sonnencreme für den Frühlingstitel." 06.03.643987 09:18 |
Sprücheklopfer
Wenn ich heute Kapitän bin und das Schiff sinkt, alle müssen helfen, dann kann doch der Koch nicht kommen und sagen: 'Ich kann nur die Bratpfanne halten.'
Otto Rehhagel