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Es war einer dieser Abende, an denen Fußballfans alles bekommen, was sie lieben - Dramatik, Emotionen, und ein bisschen Chaos. Im Estadio José Encarnación "Pachencho” Romero von Maracaibo erlebten 27.000 Zuschauer am 7. Spieltag der 1. Liga Venezuela ein 2:2 zwischen Deportivo Zulia und Real Caracas, das sich eher wie zwei Spiele in einem anfühlte: ein Heimteam in Galaform vor der Pause, ein Gastteam mit Auferstehung nach der Pause. Zulia begann wie ein Orkan. Schon in der 7. Minute zappelte der Ball im Netz: Filipe Deco, der 34-jährige Routinier mit mehr Tricks als ein Jahrmarktmagier, traf nach feinem Zuspiel von Joao Castro zum 1:0. "Ich dachte gar nicht nach, ich schoss einfach. Vielleicht war das der Trick", grinste Deco später. Keine sechs Minuten später legte er nach - diesmal nach Vorlage von Marco Veloso. 2:0, Minute 13, und Real Caracas wirkte so überrascht, als hätte jemand das Flutlicht ausgeschaltet. Trainer Eiko Henke, bekannt für seine stoische Ruhe, schüttelte nur kurz den Kopf und notierte etwas in sein Notizbuch. "Ich schrieb: ’Kein Pressing, keine Ordnung, keine Punkte’", verriet er nach dem Spiel mit einem gequälten Lächeln. Zulia, offensiv eingestellt von Beginn an, ließ den Ball laufen - 56 Prozent Ballbesitz, zehn Abschlüsse aufs Tor - und schien alles im Griff zu haben. Pedro Bauza sah in der 10. Minute Gelb, aber selbst das passte ins Bild eines Teams, das angriffslustig, aber nicht übermütig agierte. Filipe Deco, Tiago Valdo und Adrian Jordao testeten Keeper Helmut Ackermann mehrfach, der sich mit Glanzparaden wenigstens noch als Lichtblick für die Gäste erwies. Zur Halbzeit war die Stimmung im Stadion euphorisch. Kinder riefen Decos Namen, Verkäufer priesen empanadas mit "Geschmack von Sieg" an, und ein älterer Fan erklärte seiner Enkelin: "Wenn die so weiterspielen, gewinnen sie die Liga." Nun, er sollte sich irren. Denn nach dem Seitenwechsel kam Real Caracas wie verwandelt zurück - oder, wie Henke sagte: "Wir waren endlich wach und erinnerten uns, dass es um Fußball geht." Der junge Agemar Manuel, 21 Jahre alt, brachte in der 74. Minute mit einem wuchtigen Abschluss aus spitzem Winkel das 2:1. Kein Assist, kein Schnörkel, einfach purer Wille. Zulia wirkte plötzlich nervös. Passwege wurden enger, Beine schwerer, und das Publikum spürte, dass hier noch etwas kippen könnte. Als Miguel Costa in der 85. Minute nach feinem Doppelpass mit Iker Peyroteo zum 2:2 einschoss, war der Jubel im Gästeblock ohrenbetäubend. Caracas hatte sich in 40 Minuten aus der Asche seiner ersten Halbzeit erhoben. "Ich habe immer gesagt, Miguel hat den besten rechten Fuß der Liga. Heute hat er es mal wieder gezeigt - und das war keine Vereinswerbung", witzelte Henke mit einem Seitenblick auf den Torschützen. Zulia-Coach - der seinen Namen lieber nicht in den Schlagzeilen lesen wollte - stand nach dem Abpfiff minutenlang an der Seitenlinie, die Hände in den Taschen, den Blick verloren irgendwo zwischen Enttäuschung und Unglauben. Filipe Deco klopfte ihm auf die Schulter: "Wir haben es hergeschenkt, Mister. Beim nächsten Mal halten wir durch." Die Statistik erzählte eine Geschichte von Balance und verpassten Chancen: 10 zu 11 Schüsse aufs Tor, 56 zu 43 Prozent Ballbesitz, Tacklingquote leicht zugunsten der Gäste. Fußball eben - kein Mathematikunterricht. Amüsant war, dass Real Caracas seine taktische Ausrichtung laut offizieller Daten nie änderte: stets "balanced", nie Pressing, nie Hektik. Vielleicht war genau das der Schlüssel. "Wir sind wie ein guter Espresso - langsam gebrüht, aber mit Wirkung", sagte Iker Peyroteo augenzwinkernd. So endete ein Spiel, das Zulia schon gewonnen glaubte, mit einem bitteren, aber gerechten 2:2. Die Zuschauer gingen zufrieden - die einen, weil sie zwei großartige Tore gesehen hatten, die anderen, weil sie Zeugen einer kleinen Fußballlektion wurden: Wer aufhört zu spielen, bevor der Schlusspfiff ertönt, verliert. Oder, um es mit Filipe Decos Worten zu sagen: "Manchmal ist 2:2 schlimmer als 0:3 - weil du weißt, es war dein eigenes Werk." Ein Spiel, das noch lange in den Bars von Maracaibo besprochen werden dürfte - mit viel Gestik, viel Pathos und der üblichen Erkenntnis: Der Fußballgott hat Humor. 17.08.643990 20:53 |
Sprücheklopfer
Wir treten nicht an um ein Tor zu schießen, wir wollen das Spiel gewinnen!
Oliver Kahn