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35725 Zuschauer sahen am Freitagabend in Waidhofen ein Spiel, das sinnbildlich für die Launen des Fußballs stand: 57 Prozent Ballbesitz, 13 Torschüsse, unzählige Flanken - und trotzdem stand am Ende eine bittere 0:1-Heimpleite für den SV Waidhofen gegen den SC Bad Aussee. Es war ein Abend, an dem die Statistik lügt und die Effizienz triumphiert. Von Beginn an ließ die Elf von Trainerin Brigitte Temmel keinen Zweifel an ihrer Marschroute: offensiv, selbstbewusst, mit dem Hang zur kreativen Hektik. Schon in der vierten Minute prüfte Julian Korn den Gäste-Keeper Claus Persson, der den Ball so spektakulär abwehrte, dass er kurz darauf wohl selbst überrascht war, wie gut das aussah. "Ich hab ihn gar nicht richtig gesehen - ich hab nur gehofft, dass er mich trifft", grinste Persson später in der Mixed Zone, noch halb im Adrenalinrausch. Bad Aussee hingegen, trainiert vom stets stoisch wirkenden Julyan Acen, begann abwartend, ja fast gemütlich. "Wir wussten, Waidhofen will uns überrollen. Also haben wir uns erstmal hinlegen lassen - und dann zugestochen", erklärte Acen mit einem Zwinkern. Seine Mannschaft hielt sich an den Plan: kompakt stehen, wenig riskieren, und in den richtigen Momenten zuschlagen. Diese Momente kamen zunächst spärlich: Raul Gimenez und der 18-jährige Innenverteidiger Jannik Lux versuchten sich an Distanzschüssen (22. und 28. Minute), doch Waidhofens Keeper Marco Platania blieb wachsam. Dann, kurz vor der Pause, wurde es hitzig - Duarte Castano sah Gelb, nachdem er sich weniger um den Ball als um das Schienbein seines Gegenspielers kümmerte. "Er hat zuerst gezogen!", schimpfte er beim Hinausgehen Richtung Kabine. Der Schiedsrichter nickte freundlich, aber unbeeindruckt. Nach dem Seitenwechsel änderte sich das Bild kaum - Waidhofen drückte, Bad Aussee wartete. Und dann kam die 56. Minute, jene, die in der kleinen Kurstadt wohl noch eine Weile Gesprächsthema bleiben wird. Ein schneller Angriff über die Mitte, Bernd Wolter steckt clever in den Lauf von Callum MacKay, der energisch in den Strafraum zieht und mit links trocken ins lange Eck vollendet. 0:1 - eiskalt. "Ich hab einfach geschossen, weil ich sonst wieder gehört hätte, dass ich zu viel nachdenke", lachte MacKay später - und fügte an: "Vielleicht sollte ich öfter nicht denken." Trainer Acen nahm ihn kurz darauf vom Feld, wohl um ihn vor sich selbst zu schützen, wie er schmunzelnd sagte. Waidhofen reagierte mit Wut, Wille und Wildwest-Fußball. David Beauvilliers prüfte Ersatzkeeper Maurice Billet (nach dessen Einwechslung in der 52. Minute) mehrfach, Isidoro Arrieta scheiterte aus kurzer Distanz, und in der 89. Minute flog ein Schuss von Beauvilliers Zentimeter über die Latte. Das Publikum stöhnte kollektiv, und irgendwo auf der Tribüne rief ein Fan: "Wenn’s nicht rein will, hilft nur noch beten!" - woraufhin sein Sitznachbar trocken antwortete: "Oder Bad Aussee wechseln." Doch weder göttliche Hilfe noch taktische Kniffe halfen. In den letzten Minuten warf Waidhofen alles nach vorn - sogar Innenverteidiger Santiago Yanez tauchte im gegnerischen Strafraum auf. Zwei Schüsse in der Nachspielzeit (91. und 92. Minute) verfehlten das Ziel nur knapp, dann pfiff der Schiedsrichter ab. "Ich kann meiner Mannschaft nichts vorwerfen - außer vielleicht, dass sie das Runde zu oft am Eckigen vorbei gezirkelt hat", seufzte Trainerin Temmel. Ihre Spieler standen noch lange auf dem Rasen, ratlos, aber mit aufrechtem Blick. Bad Aussee jubelte indes verhalten. Kein ekstatischer Auftritt, kein Posen vor der Kurve - einfach ein kollektives Schulterzucken der Zufriedenheit. "Ein dreckiger Sieg, aber ein schöner", meinte Wolter, der Vorlagengeber, während er sich das Trikot über den Kopf zog. Die Statistik erzählte am Ende eine fast tragikomische Geschichte: 13:7 Torschüsse, 57:43 Prozent Ballbesitz, 52 Prozent gewonnene Zweikämpfe - alles spricht für Waidhofen. Nur das Ergebnis nicht. Und das ist bekanntlich die einzige Zahl, die zählt. Vielleicht fasste es ein älterer Zuschauer auf der Haupttribüne am besten zusammen, als er beim Hinausgehen murmelte: "So ist Fußball - manchmal schießt du dreizehnmal daneben und verlierst, manchmal einmal aufs Tor und bist der Held." Und irgendwo, auf der Rückfahrt ins Ausseerland, wird Callum MacKay wohl leise lachen und denken: Einmal hat gereicht. 22.06.643990 03:07 |
Sprücheklopfer
Wir waren alle vorher überzeugt davon, dass wir das Spiel gewinnen. So war auch das Auftreten meiner Mannschaft, zumindest in den ersten zweieinhalb Minuten.
Peter Neururer