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Man hatte sich beim VfL Stuttgart den Start in die neue Saison der 1. Liga Deutschland wohl etwas anders vorgestellt. 55.612 Zuschauer im ausverkauften Stadion, Flutlicht, Premierenfieber - und am Ende ein 1:2 gegen den SC Verl, der frech, effizient und erstaunlich unbeeindruckt vom großen Namen auftrat. Dabei begann alles so verheißungsvoll. In den ersten Minuten feuerte Stürmer Gleb Schalimow gleich zweimal aufs Tor (3. und 6. Minute), als wolle er schon früh die Klubhymne mit einem Treffer unterstreichen. Doch der Ball wollte einfach nicht hinter die Linie. "Ich dachte, der Ball sei beleidigt", witzelte Trainer Venni Mislintat nach dem Spiel, "so oft wie er sich geweigert hat, reinzugehen." Stuttgart hatte mehr Ballbesitz (54,8 Prozent), mehr Torschüsse (8:7) und eigentlich auch mehr vom Spiel. Aber Verl hatte das, was man in Fußballerdeutschland gern "Kaltschnäuzigkeit" nennt. Und ein bisschen Glück, das man sich an so einem Abend auch einfach verdient. Nach einer torlosen ersten Hälfte - in der das lauteste war, was man hörte, der grantige Pfiff eines Fans, der sich über die Bratwurstpreise beschwerte - drehte die Partie in der 58. Minute plötzlich: Morgan Perlman, eigentlich Linksaußen, aber mit der Schusstechnik eines Mittelstürmers, zog nach Vorlage von Innenverteidiger Marc John trocken ab - 0:1. Stuttgarts Keeper Jaime Oliveira streckte sich vergeblich, der Ball zischte ins lange Eck. "Da haben wir kurz nicht aufgepasst", knurrte VfL-Kapitän Dirk Maus später in die Mikrofone, "und Verl hat’s halt ausgenutzt. So ist Fußball. Leider." Als die Schwaben noch überlegten, ob sie jetzt wütend oder nervös sein sollten, kam die nächste kalte Dusche: In der 67. Minute war es Linksverteidiger Nils Wegener, der nach einem cleveren Doppelpass mit Volker Baur den Ball ins Netz beförderte. 0:2 - und auf der Gästebank brach ein kleiner Vulkan aus. Trainer Big Bang (ja, so steht’s wirklich auf der Lizenz) ballte die Faust, als hätte er gerade den Urknall persönlich neu erfunden. "Wir wussten, dass Stuttgart offensiv kommen würde", sagte Bang später mit einem breiten Grinsen. "Deshalb haben wir gewartet - und dann zugeschlagen. Manchmal ist Geduld die brutalste Waffe." Aber die Gastgeber gaben sich nicht geschlagen. Fünf Minuten später wechselte Mislintat frischen Wind ein: der 22-jährige Ingvar Abramson kam für Schalimow. Und siehe da - kaum auf dem Platz, legte der Youngster in der 73. Minute mustergültig quer, sodass Luis Contreras zum 1:2 einschieben konnte. Das Stadion tobte, die Hoffnung glomm wieder auf. "Da haben wir kurz dran geglaubt", seufzte Contreras nach Abpfiff, "aber Verl hat das dann clever runtergespielt. Die haben gebissen, wir haben gebettelt." Tatsächlich stellte sich der SC Verl in den letzten 20 Minuten tief, fast schon italienisch. Die Stuttgarter drückten, Ernesto Vaz prüfte den Verl-Keeper Jacob Mayer in der 85. Minute noch einmal mit einem satten Distanzschuss - doch Mayer, der 21-jährige Nachwuchsmann, hielt mit stoischer Ruhe. "Ich hab einfach die Augen zugemacht und gehofft, dass mich der Ball trifft", lachte Mayer später. Venni Mislintat indes wirkte weniger amüsiert. "Wenn du 55.000 Fans im Rücken hast und trotzdem so schläfrig verteidigst, dann musst du dich fragen, ob du wirklich wach bist", sagte der Coach sarkastisch. Und fügte hinzu: "Ich hoffe, wir sind jetzt aufgewacht - sonst wird die Saison lang." Big Bang hingegen grinste in die Kameras, als hätte er gerade die Meisterschaft gewonnen. "Wir sind Verl", rief er in Richtung der jubelnden Gästefans, "und wir schreiben unsere eigene Geschichte!" Am Ende blieb Stuttgart mit leeren Händen zurück - und der SC Verl nahm drei Punkte mit, die kaum jemand erwartet hatte. In den Katakomben soll Mislintat beim Verlassen des Stadions noch gemurmelt haben: "Wir haben 8:7 Torschüsse - aber leider 1:2 Tore. Statistik gewinnt keine Spiele." Ein Satz, den man sich an der Mercedesstraße wohl noch öfter anhören wird, wenn sich die Schwaben nicht bald aufrappeln. Fazit: Ein mutiger Auftritt der Gäste, ein schläfriger Auftakt der Gastgeber - und ein Fußballabend, der wieder einmal bewiesen hat, dass Ballbesitz schön, aber Tore schöner sind. Oder, wie es ein Fan beim Hinausgehen trocken formulierte: "Hauptsache, das Bier war kalt." 11.11.643993 14:57 |
Sprücheklopfer
Ich freue mich, meine ehemaligen Spieler später irgendwo auf der Welt wiederzutreffen. Oder in der Schweiz.
Köbi Kuhn, Nationaltrainer Schweiz