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Es war ein frostiger Januarabend im Gladbecker Stadion, doch auf dem Rasen ging es hitzig zu. 40.000 Zuschauer sahen ein Spiel, das alles bot, was Fußballherzen höher schlagen lässt - zumindest, wenn man Stuttgarter ist. Denn die Gäste vom VfL Stuttgart nahmen mit einem cleveren 2:1 (2:0) alle drei Punkte mit nach Hause und ließen die Gladbecker Offensive trotz 15 Torschüssen weitgehend ins Leere laufen. Schon nach zehn Minuten war die Stimmung im weiten Rund kurz vorm Gefrierpunkt. Ernesto Vaz, der flinke Linksfuß der Schwaben, zog nach einem feinen Zuspiel von Noach Van Duzen von der Strafraumkante ab und traf flach ins lange Eck. Torwart Curt Adler streckte sich vergebens. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen, aber irgendwie hat er noch den Weg rein gefunden", fluchte Adler später mit einem gequälten Grinsen. Gladbeck schüttelte sich und suchte sofort den Weg nach vorn - offensiv, wie man es unter Trainer El Comandante gewohnt ist. Doch wo der VfL ruhig kombinierte, rannten die Hausherren mit wehenden Fahnen an. Stürmer Martin Jemez prüfte Keeper Jaime Oliveira mehrfach, Leandro Moutinho drosch die Kugel aus allen Lagen, und Linksverteidiger Jake Boyd versuchte sich als Flankengott - mit mäßigem Erfolg. In der 37. Minute dann der nächste Stich ins Gladbecker Herz: Ernesto Vaz, diesmal als Vorlagengeber, schickte Joshua Rausch auf die Reise. Der Stuttgarter Rechtsaußen blieb eiskalt und schob zum 2:0 ein. Auf der Gladbecker Bank flog kurzzeitig eine Wasserflasche, und Trainer El Comandante kommentierte trocken: "Wir wollten Pressing spielen, aber offenbar haben wir nur den Pausenknopf gedrückt." Mit einem 0:2 ging es in die Kabine, und wer dachte, der Abend sei gelaufen, unterschätzte die Gladbecker Leidenschaft. Nach dem Wiederanpfiff schaltete das Heimteam noch einen Gang höher. Taktisch blieb es bei der offensiven Ausrichtung, aber nun mit vollem Einsatz und Pressing. Stuttgart beschränkte sich auf kontrolliertes Verteidigen und lauerte auf Konter. In der 58. Minute durften die Fans endlich jubeln: Leandro Moutinho, der unermüdliche Rechtsaußen, traf nach einer Ecke von Noah Ulrich zum 1:2-Anschluss. Der Jubel war so laut, dass man kurz glaubte, das Stadiondach würde abheben. "Endlich mal einer drin", rief Moutinho später lachend. "Ich hatte schon Angst, ich muss heute noch bis Mitternacht schießen." Es folgte ein wütendes Powerplay der Gladbecker. Trainer El Comandante brachte frische Kräfte: Kuhn, Helguera und Wilhelm kamen in der 60. Minute, und plötzlich rollte Angriff um Angriff auf das Stuttgarter Tor. Antonio Helguera traf zwar das Tor nicht, dafür aber zweimal das Außennetz und einmal fast den Linienrichter. Die Stuttgarter verteidigten mit allem, was sie hatten - manchmal auch mit den Händen, wie Innenverteidiger Eduardo Cabrero, der in der 26. Minute Gelb gesehen hatte und später bei jedem Zweikampf unter lautem Raunen der Zuschauer agierte. "Ich spiele gern körperlich", sagte Cabrero nach Abpfiff, "aber in Gladbeck muss man auch die Ellbogen mitbringen." Gladbeck hatte am Ende mehr Torschüsse (15:9) und gewann mehr Zweikämpfe (53 Prozent Tacklingquote), doch der Ballbesitz gehörte Stuttgart (58 Prozent). Die Schwaben spielten abgeklärt, fast schon abgebrüht, und ließen sich auch vom aufbrausenden Publikum nicht aus der Ruhe bringen. In der Nachspielzeit versuchte Antonio Helguera noch einmal sein Glück aus 20 Metern - der Ball zischte über die Latte, und VfL-Keeper Oliveira klatschte sich selbst ab. Der Abpfiff kam wie eine Erlösung für die Gäste und ein Stich ins Herz für die Heimfans. "Wir haben uns in der ersten Halbzeit selbst geschlagen", resümierte El Comandante später. "Aber wer so kämpft wie wir in Halbzeit zwei, der wird bald wieder siegen." Stuttgart-Coach Venni Mislintat grinste nur und meinte: "Ich mag es, wenn ein Plan funktioniert. Offensiv spielen und trotzdem gewinnen - das ist mein Lieblingsparadoxon." Während die Gladbecker Fans ihre Mannschaft mit Applaus verabschiedeten, sangen die Stuttgarter Spieler auf dem Rasen ihr Siegerlied. Der Abend endete kühl, aber mit warmen Herzen bei den Gästen. Und so bleibt am Ende die Erkenntnis: Fußball ist manchmal ungerecht - aber selten langweilig. Der FC Gladbeck hat verloren, doch wer so stürmt, braucht sich nicht zu schämen. Und der VfL Stuttgart? Der reist heim mit drei Punkten und einem breiten Grinsen. El Comandante dagegen mit der Erkenntnis, dass Leidenschaft schön ist - aber Tore zählen immer noch mehr. 30.06.643987 07:50 |
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