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Es war ein kalter Februarabend in Stuttgart, aber die 57.447 Zuschauer in der ausverkauften Arena erlebten ein Spiel, das ihnen schnell warm ums Herz werden ließ - zumindest, wenn sie es mit dem VfL hielten. Mit einem souveränen 2:0 (1:0) gegen den FC Gladbeck festigten die Schwaben am Montagabend ihre Position im oberen Tabellendrittel der 1. Liga. Und das, obwohl Trainer Venni Mislintat nach dem Spiel betonte: "Wir haben heute nicht geglänzt, aber wir haben funktioniert - und das ist in dieser Phase der Saison Gold wert." Von Beginn an übernahm der VfL das Kommando. Schon nach zwei Minuten prüfte Marcel Breze den Gladbecker Keeper Curt Adler mit einem satten Schuss - eine frühe Duftmarke. Die Gastgeber spielten zwar taktisch "balanced", wie die Statistik nüchtern sagt, aber in Wahrheit war das eher ein kontrolliertes Dauerpressing mit Stil. Gladbeck dagegen wollte offensiv auftreten - laut Taktikdaten sogar "offensive" und "shooting anytime". Das Problem: Wer immer schießt, trifft eben nicht zwangsläufig. In der 22. Minute kam der Moment, der das Stuttgarter Publikum von den Sitzen riss. Uwe Schubert, der erst 22-jährige Linksaußen, zog beherzt von seiner Seite zur Mitte, bekam einen feinen Pass von Ernesto Vaz - und drosch den Ball humorlos ins rechte Eck. 1:0! Der Jubel war so laut, dass selbst Trainer Mislintat kurz aufhörte, in sein Klemmbrett zu kritzeln. "Uwe hat das einfach gemacht, als wäre’s ein Trainingsspiel. Vielleicht ist das sein Geheimnis", grinste der Coach später. Gladbeck hatte in Person von Philip Kuhn (14.) und Charles Aubin (35.) zwar Gelegenheiten, doch Keeper Maurizio Corone war hellwach - und das mit gerade einmal 18 Jahren. "Ich hatte kalte Hände, aber heiße Reflexe", sagte er lachend nach dem Spiel, während ihm Mannschaftskollege Rafael Bermudo scherzhaft eine Wärmflasche reichte. Kurz vor der Pause wurde es noch einmal hektisch: Bermudo sah Gelb (25.), Dominguez hatte sich bereits in Minute 13 die Verwarnung abgeholt. "Ich wollte doch nur freundlich grüßen", meinte der junge Rechtsaußen später mit einem Augenzwinkern. Zur Pause stand es 1:0, und Mislintat reagierte: Doppelwechsel - Maxim Tillman kam für Dominguez, Carl Derlei ersetzte Vaz. Ein Schachzug mit Folgen. Direkt nach Wiederbeginn, in der 47. Minute, kombinierten sich Joshua Rausch und Marcel Breze traumhaft durch die Gladbecker Abwehr. Rausch flankte präzise, Breze vollendete per Direktabnahme - 2:0! Derlei sprang ihm jubelnd auf den Rücken, während Mislintat auf der Bank nur trocken bemerkte: "So war das gezeichnet." Der Rest des Spiels war ein Muster an Kontrolle. Stuttgart ließ Ball und Gegner laufen, laut Statistik 53 Prozent Ballbesitz - gefühlt waren es 80. Breze, Rausch und später Derlei feuerten im Minutentakt aufs Tor (insgesamt 19 Schüsse, davon 14 nach der Pause). Gladbeck dagegen blieb bei fünf Torschüssen und noch mehr verpassten Momenten. Trainer El Comandante wirkte an der Seitenlinie zunehmend wie ein General ohne Armee - gestikulierend, rufend, verzweifelt. "Wir wollten mutig sein, aber Stuttgart war einfach zu clever", gab er nach der Partie zu. In der 81. Minute durfte Breze unter Applaus vom Feld, William Lujan übernahm im Sturmzentrum - und machte in der 94. Minute fast noch das 3:0. Doch sein Schuss strich knapp über die Latte. "Ich wollte’s schön machen, nicht nur reinhauen", lachte der Joker später. Am Ende war es ein verdienter Sieg einer Mannschaft, die reifer wirkte als je zuvor. Stuttgart hatte mehr vom Spiel, mehr Ideen, mehr Präzision - und vor allem mehr Spaß. "Wir wissen, dass wir besser spielen können", sagte Doppeltorschütze Breze, "aber wenn wir schon im ’Sparmodus’ gewinnen, ist das kein schlechtes Zeichen." Gladbeck hingegen muss sich fragen, wie man mit so viel Ankündigung so wenig Gefahr erzeugen kann. "Wir haben offensiv gedacht, aber defensiv geträumt", fasste Kapitän Caio Castro trocken zusammen - und verschwand in Richtung Kabine, bevor El Comandante noch eine taktische Nachbesprechung ansetzen konnte. Vielleicht war es kein Spektakel voller Dramatik, doch es war ein Lehrstück in Effizienz. Stuttgart schoss sich mit Stil und etwas Ironie an die Spitze des Abends. Und wer weiß - wenn sie so weitermachen, könnte der schwäbische Pragmatismus bald wieder international glänzen. Oder, wie es ein Fan auf der Tribüne nach dem Abpfiff rief: "Nicht schön, aber schön gewonnen!" - treffender kann man diesen Abend kaum zusammenfassen. 02.04.643990 02:37 |
Sprücheklopfer
Wir treten nicht an um ein Tor zu schießen, wir wollen das Spiel gewinnen!
Oliver Kahn