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Ein kalter Januarabend, Flutlicht, 4220 Zuschauer im Memminger Stadion - und ein Heimteam, das sich nach 90 Minuten fragte, ob man eigentlich auch ohne Ballbesitz Fußball gewinnen kann. Die Antwort gab der VfK Leipzig gleich dreimal: 0:3 hieß es am Ende, und das Ergebnis fiel so deutlich aus, wie es sich liest. Schon in der 10. Minute zappelte der Ball zum ersten Mal im Netz. Björn Mayr, der flinke Linksaußen der Gäste, zog nach Zuspiel von Swen Keller ab, als hätte er den Ball persönlich gebeten, bitte ganz präzise ins rechte Eck zu fliegen. "Ich hab gar nicht viel nachgedacht", grinste Mayr später. "Manchmal läuft’s einfach - und heute lief’s." Für Memmingen war das eher das Gegenteil. Denn die Gastgeber, die mit einer ausgeglichenen, aber überraschend zurückhaltenden Taktik agierten, fanden kaum ins Spiel. Zwei Torschüsse in 90 Minuten - das ist keine Statistik, sondern ein Hilferuf. Trainer des FC Memmingen (der nach dem Schlusspfiff lieber anonym bleiben wollte) murmelte: "Wir hatten den Plan, Leipzig zu locken. Leider kam keiner von denen auf die Idee, sich locken zu lassen." Leipzig dagegen dominierte nach Belieben. 59 Prozent Ballbesitz, 15 Torschüsse - und ein Elias Vollmer, der in der 47. Minute zeigte, dass 34 Jahre kein Alter sind, wenn man noch Lust auf Tore hat. Nach einem Eckball von Oskar Bender, der kurz zuvor Gelb gesehen hatte, landete der Ball irgendwie bei Vollmer, und der zog ohne Zögern ab. 0:2. Der Memminger Torwart Heinz Rudolph streckte sich, rutschte, flog - doch vergeblich. In der Folge wurde es ruppiger. Luca Mohr, der rechte Mittelfeldmann der Gastgeber, schien beschlossen zu haben, dass man wenigstens in der Kartenstatistik nicht leer ausgehen sollte. Nach einer Gelben in der 38. Minute folgte in der 70. die Gelb-Rote - sinnbildlich für einen Abend, an dem Memmingen alles tat, nur nicht Fußball spielte. "Ich wollte nur den Ball treffen", verteidigte sich Mohr, "aber der Ball war halt schon weg." Leipzig blieb cool. Aristodimos Karras, der griechische Mittelfeldstratege, zog die Fäden, verteilte Bälle, als würde er im Wohnzimmer Karten spielen. Und als Lennard Binder in der 79. Minute nach einem butterweichen Pass von Karras zum 0:3 einschob, applaudierte sogar der neutral gesinnte Teil der Tribüne. "Das war Lehrbuchfußball", meinte VfK-Trainer (der im Gegensatz zu seinem Gegenüber sehr wohl reden wollte) mit einem zufriedenen Lächeln. "Nur ohne das Lehrbuch, weil die Jungs’s einfach können." Memmingen versuchte es danach noch mit langen Bällen, die meist so lang waren, dass sie direkt im Aus landeten. Jorgen Bergmann donnerte in der 8. Minute einmal wuchtig aufs Leipziger Tor - das war’s dann aber auch. Volker Lang probierte es in der 22. Minute, doch Gästekeeper Sergio Tiago musste sich kaum die Handschuhe schmutzig machen. Die Zuschauer reagierten mit Galgenhumor. "Vielleicht heben sie sich die Tore für nächste Woche auf", rief einer von der Tribüne. Ein anderer fragte laut, ob man "Pressing" auch einfach abbestellen könne - schließlich stand in der Statistik, dass Memmingen kein Pressing spielte. Die Taktikdaten bestätigten das: keine Pressingansätze, kein erkennbarer Offensivplan. Leipzig dagegen spielte schlicht, ruhig, effizient - als hätten sie den Ball gepachtet. Selbst bei 3:0 zogen sie keine Show ab, sondern spulten ihr Programm ab, als ginge es um eine Trainingspartie mit Notizblock. Am Ende blieb Memmingen mit gesenkten Köpfen zurück, Leipzig dagegen mit breiter Brust. Björn Mayr, der Mann des Abends, fasste es zusammen: "Wir wollten zeigen, dass wir auswärts auch Tore machen können. Mission erfüllt." Das Publikum verabschiedete beide Teams mit ehrlichem Applaus - der eine Teil aus Bewunderung, der andere aus Mitleid. Und irgendwo im Kabinengang soll ein Memminger Betreuer gesagt haben: "Wenn man 40 Prozent Ballbesitz hat, sind das immerhin 40 Prozent Hoffnung." Sarkasmus oder Selbstschutz - schwer zu sagen. Sicher ist nur: Der FC Memmingen hat an diesem 5. Spieltag der Regionalliga A eine Lektion in Effizienz erhalten. Ein 0:3, das weh tut - und vielleicht genau deshalb wirkt. Denn wer weiß: Vielleicht wird man in Memmingen jetzt doch mal über Pressing nachdenken. Oder wenigstens über den Ball. 16.03.643987 06:45 |
Sprücheklopfer
Berti Vogts ist die arme Sau, die von den Medien durchs Dorf getrieben wird.
Rainer Calmund