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Es war ein kalter Januarabend in Ivanovo, aber auf dem Rasen brannte das Feuer: Schitnik Jaroslawl spielte sich beim 5:2-Erfolg gegen den FC Ivanovo in einen kleinen Rausch. 10.000 Zuschauer im Stadion sahen ein Spiel, das von jugendlicher Unbekümmertheit, einem gewissen taktischen Wahnsinn und - ja - einem 18-jährigen Wirbelwind namens Domingo Velasco geprägt war. Schon in der 9. Minute war der Teenager der Mann des Abends: Nach feinem Zuspiel von Linksverteidiger Nevio Couto tanzte Velasco zwei Verteidiger aus und traf trocken ins Eck. Nur fünf Minuten später legte er nach - diesmal mit einem Pass aus der Zentrale von Ricardo Nani. Ivanovos Keeper Arkadi Koroljuk streckte sich vergeblich, der Ball zischte an ihm vorbei wie ein verspäteter Neujahrsraketenschweif. "Ich dachte, der Junge sei noch in der Jugendmannschaft", murmelte ein irritierter Zuschauer auf der Tribüne - und er war nicht der Einzige, der sich die Augen rieb. Doch Ivanovo zeigte Moral. In der 29. Minute verkürzte Veniamin Malgin nach klugem Zuspiel von Eduard Podomazki auf 1:2. Für einen Moment wirkte das Team von Trainer - dessen Name an diesem Abend besser ungenannt bleiben sollte - wie neu belebt. "Da haben wir geglaubt, dass noch was geht", sagte Torschütze Malgin später, "aber dann kam dieser Velasco schon wieder angerannt, als wäre er auf Rollschuhen." Tatsächlich war der junge Spanier (oder Südamerikaner? Man weiß es bei Schitnik nie so genau) auch nach der Pause unermüdlich. Zwar traf Malgin in der 54. Minute erneut, diesmal nach starker Vorarbeit von Routinier Gawriil Zizinow, doch das schien Jaroslawl nur zu provozieren. Der Gast spielte weiter mit einer fast naiven Offensivfreude, wie sie sonst nur Sonntagskicker kennen - allerdings mit deutlich mehr Präzision. In der 64. Minute vollendete Velasco seinen Hattrick, diesmal vorbereitet von Noe Dominguez. 3:2 für Jaroslawl - und die Geschichte des Spiels kippte endgültig. Ivanovo hatte zwar mit 51 Prozent leicht mehr Ballbesitz, aber das war so wertvoll wie ein Regenschirm in der Wüste. Schitnik hatte 17 Torschüsse, elf davon allein von Velasco und seinem Kollegen Fernando Montalban, der in der 84. Minute den Schlusspunkt setzte. Dazwischen traf noch Dominguez selbst (78.), nach feinem Pass von Rechtsverteidiger Brandon Monroe - ein Tor wie aus dem Lehrbuch, das der Heimtrainer vermutlich nie wieder sehen will. "Wir haben nie aufgehört, nach vorne zu spielen", sagte Schitnik-Coach Willi Daun nach dem Spiel mit breitem Grinsen und einem Schal, der so bunt war wie seine Offensive. "Manchmal hilft es, wenn man vergisst, dass Verteidigung auch Teil des Spiels ist." Sein Gegenüber wirkte dagegen wie ein Mann, der gerade erfahren hatte, dass sein Auto auf dem Stadionparkplatz abgeschleppt wurde. Ivanovo war nicht chancenlos - elf Schüsse aufs Tor, zwei Gelbe Karten (für Osterhoudt und Martin), viel Einsatz. Aber die Abwehr wirkte phasenweise so konfus wie ein Navi ohne Empfang. Besonders bei hohen Bällen herrschte Alarmstufe Rot. Montalban, Jaroslawls 32-jähriger Rechtsaußen, nutzte das gnadenlos aus. "Ich hab’ nur noch reingezirkelt", grinste er nach seinem Treffer. "Velasco macht die ganze Arbeit, ich kassiere den Applaus." Am Ende stand ein 5:2, das zugleich deutlich und trügerisch war. Denn Ivanovo spielte phasenweise ordentlich mit, hatte den Ball, kombinierte gefällig - aber Schitnik Jaroslawl bestrafte jeden Fehlpass mit einer Effizienz, die an kühl temperierte Chirurgie erinnerte. Vielleicht lag es am jugendlichen Übermut, vielleicht an der Spielfreude. Vielleicht aber auch daran, dass Velasco einfach einen dieser Abende hatte, an denen selbst der Ball zu wissen schien, was er vorhat. "Ich habe einfach Spaß gehabt", sagte der Dreifachtorschütze nach dem Spiel schüchtern. "Und Coach Daun hat gesagt, ich darf schießen, solange ich treffe." - "Das wird er nächste Woche bereuen", raunte Daun augenzwinkernd, "denn jetzt will der Junge sicher auch die Freistöße." Zum Schluss applaudierten sogar einige Ivanovo-Fans dem gegnerischen Team. Und ehrlich gesagt: Wer drei Mal trifft, 18 Jahre alt ist und aussieht, als könnte er nach dem Spiel noch schnell Mathehausaufgaben machen, der hat das wohl verdient. Ein Fazit bleibt: FC Ivanovo kämpft, Schitnik Jaroslawl zaubert - und irgendwo im sibirischen Winter hat der Fußball für 90 Minuten wieder richtig Spaß gemacht. 07.09.643987 03:43 |
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