// Startseite
| Sportwoche |
| +++ Sportzeitung für Österreich +++ |
|
|
|
Es gibt Fußballabende, an denen man den Eindruck hat, die Regie sei einem Dramaturgen aus einer Theatergruppe überlassen worden. Der 4. Spieltag der 1. Liga Österreich in Dornbirn war so einer. 38.581 Zuschauer erlebten ein Spektakel, das irgendwo zwischen Nervenzusammenbruch und Glücksrausch pendelte - und am Ende hatte Union Dornbirn mit 4:3 gegen den SV Waidhofen die Nase vorn. Dabei begann alles ganz harmlos - zumindest aus Sicht der Hausherren. Schon in der 10. Minute schien alles nach Plan zu laufen: Ben Pfeiffer flankte präzise von rechts, Thierry Castel rauschte heran und bugsierte den Ball volley ins Netz. "Ich wollte eigentlich köpfen, aber dann hat mein rechter Fuß beschlossen, heute Verantwortung zu übernehmen", grinste der 25-Jährige später. Doch wer glaubte, die Partie würde gemütlich dahinfließen, hatte die Rechnung ohne die Waidhofner gemacht. In der 24. Minute zirkelte Vincent Sogaard einen Ball in den Strafraum, den Fynn Schneider mit der Präzision eines Uhrmachers ins Eck schob - 1:1. Nur vier Minuten später durfte Duarte Castano jubeln, nachdem Santiago Yanez einen Freistoß clever in seinen Lauf gechippt hatte. 1:2. "Da dachte ich, das wird ein langer Abend", brummte Union-Coach Olaf Dragon, der zu diesem Zeitpunkt demonstrativ an seinem Kaugummi kaute, als wolle er die Spannung einfach wegkauen. Bis zur Pause kontrollierte Waidhofen das Spiel mit überraschender Abgeklärtheit. Dornbirn hatte zwar mehr Ballbesitz (am Ende 53 Prozent) und ein leichtes Chancenplus, kam aber kaum durch. "Wir haben uns in Schönheit fast verloren", meinte Kapitän Andre Savard später selbstkritisch. Nach der Halbzeitpause drehte sich der Wind. Dragon brachte frische Energie über die linke Seite - und vor allem neuen Mut. Sein Team stürmte mit offenem Visier, und das zahlte sich aus. In der 65. Minute leitete Savard selbst den Umschwung ein: Er passte auf Castel, der sich kurz drehte, Maß nahm und den Ball humorlos unter die Latte hämmerte - 2:2. Nur eine Minute später bedankte sich Castel bei Savard auf seine Art: Pass von Karl Konrad in den Rückraum, Savard zieht ab, drin - 3:2. Das Stadion kochte. "Ich hab gar nicht gemerkt, dass ich schon wieder getroffen hatte", lachte Castel nach dem Spiel. "Ich dachte, wir feiern noch das 2:2." Waidhofen, bis dahin taktisch diszipliniert, wirkte plötzlich wie aufgelöst. Trainerin Brigitte Temmel gestikulierte wild an der Seitenlinie, wechselte doppelt (Sousa und Carsley kamen in der 69. Minute), aber das half zunächst wenig. Union hatte Feuer gefangen - und Castel offenbar sein persönliches Drehbuch gefunden. Als die Partie in die Nachspielzeit ging, schien alles entschieden. Doch dann, Minute 90: Wieder Fynn Schneider! Der Blondschopf aus dem Mittelfeld fasste sich ein Herz, zog aus 20 Metern ab - 3:3! "Ich dachte, na gut, wenigstens ein Punkt", sagte Temmel später mit einem bitteren Lächeln. Aber das Märchen hatte noch ein Kapitel. Denn in der 94. Minute, als schon manche Fans Richtung Ausgang schielten, schlug Castel erneut zu. Nach einer butterweichen Flanke von Orkut Aslan stieg er am höchsten und köpfte den Ball zum 4:3 ins Netz. Stadion, Ausnahmezustand. Der Rest war Jubel, Tränen und eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Ekstase. "Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll", meinte Dragon, der schließlich beides tat. "Aber lieber mit drei Punkten in der Tasche." Waidhofen hatte am Ende neun Torschüsse zu verzeichnen, Dornbirn ganze zwanzig - ein Spiegelbild der zweiten Halbzeit. "Wir haben’s verpasst, den Sack zuzumachen", räumte Schneider ein, noch immer schweißgebadet. "Aber wenn so einer wie Castel in der Form ist, kannst du fast nur applaudieren." Auf der Pressekonferenz wurde Dragon gefragt, ob er nun endlich an den Titel glaube. Er lächelte nur und sagte: "Ich glaube an Castel." Und vielleicht glaubt ganz Dornbirn das jetzt auch. Denn manchmal schreibt der Fußball Geschichten, die so kitschig sind, dass man sie in Hollywood ablehnen würde - es sei denn, Thierry Castel spielt die Hauptrolle. 03.07.643990 16:55 |
Sprücheklopfer
Wir müssen vor dem Tor einfach cooler sein, einfach heißer.
Thomas Doll