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Es war einer dieser Abende in Toronto, an denen der Himmel über dem North York Stadion in ein eisiges Blau getaucht war und 40.000 Zuschauer fröstelnd, aber voller Erwartung auf die Tribüne drängten. Die "North York Stars" empfingen die "Quebec Blues" zum 6. Spieltag der 1. Liga Kanada - und was nach Routine klang, entwickelte sich zu einem packenden 2:2-Spektakel, das alles hatte: frühe Tore, späte Dramen und gelbe Karten im Akkord. "Wenn man zweimal führt, will man auch gewinnen", knurrte Stars-Trainer Roberto Carlos nach Abpfiff, während er frustriert an seinem Schal zerrte. "Aber Fußball ist eben kein Wunschkonzert." Sein Gegenüber, Lutz Lindemann, grinste nur: "Ich hab meinen Jungs gesagt, sie sollen einfach schießen, wann immer sie Lust haben. Und offenbar hatten sie oft Lust." 14 Torschüsse der Blues sprechen eine deutliche Sprache - auch wenn der Ballbesitz mit 56 Prozent klar bei den Stars lag. Die erste Viertelstunde gehörte den Hausherren, die sofort Druck machten. In der 12. Minute wurde die Geduld - oder besser gesagt, die Unruhe - des linken Verteidigers Egidius Vandermark belohnt. Nach einem feinen Zuspiel von Luís Nunez zog er aus spitzem Winkel ab, und der Ball zischte unhaltbar ins lange Eck. Torwart Jerome Leachman der Blues streckte sich vergeblich. "Ich hab nur noch den Schatten gesehen", murmelte er später, halb bewundernd, halb genervt. Doch die Freude der Stars währte nicht lange. Quebec blieb offensiv, wild und unberechenbar. In der 30. Minute war es Kobe Piersens, der nach Vorarbeit des eingewechselten Olivier Krieger den Ausgleich markierte. Ein Treffer aus dem Nichts, aber mit Wucht und Präzision. "Ich dachte eigentlich, ich flanke", lachte Piersens nach dem Spiel. "Dann war der Ball plötzlich drin - passiert halt." Mit dem 1:1 ging es in die Pause. Die Stars wirkten kontrollierter, die Blues dafür gefährlicher im Umschaltspiel. Lutz Lindemann stellte zur zweiten Halbzeit das Pressing um - und Quebec legte los, als ginge es um Meisterschaft und Ehre zugleich. In der 54. Minute schickte Linksverteidiger Paul Musgrave einen präzisen Ball auf den rechten Flügel, wo Andre Pare lauerte. Der 30-Jährige nahm Maß und hämmerte den Ball zum 1:2 ins Netz. Die Gästebank explodierte. "Da haben wir kurz geschlafen", gab Stars-Stürmer Callum Eliot später zu. "Wir dachten, wir hätten alles im Griff - und dann klingelt’s hinten." Doch die Gastgeber reagierten wütend. Nur acht Minuten später sorgte der umtriebige Luís Nunez für den Ausgleich. Nach einer butterweichen Flanke von Andrew Haddock stieg Nunez am höchsten und köpfte zum 2:2 ein. "Ich hab nur die Augen zugemacht und gehofft", grinste er - offenbar hat Hoffnung im Fußball manchmal eine erstaunliche Präzision. In der Schlussphase wurde es ruppig. Zwei Gelbe Karten für die Blues - Leon Bureau und Daan Bolsius - hielten den Schiedsrichter auf Trab, während die Stars auf den Sieg drängten. Piergiorgio Palmisano sorgte in der 85. Minute mit einem fulminanten Fernschuss beinahe für den Lucky Punch, doch Leachman fischte den Ball aus dem Winkel. Die 40.000 Zuschauer standen, brüllten, froren - und wurden Zeugen eines Spiels, das keinen Sieger, aber zwei Gewinner kannte: den Fußball und die Dramaturgie. Statistisch gesehen hätten die Stars wohl den Sieg verdient gehabt - mehr Ballbesitz, kontrollierter Aufbau, diszipliniertes Pressing. Aber Quebec zeigte Herz, Kampfgeist und eine Offensive, die selbst bei minus fünf Grad Feuer fing. "Wir haben uns am Ende einfach reingebissen", sagte Lindemann und rieb sich die Hände. "Ein Punkt in North York ist Gold wert." Roberto Carlos hingegen wirkte nachdenklich: "Wir haben schön gespielt, aber schön bringt keine drei Punkte. Vielleicht sollten wir mal hässlich gewinnen." Als die Fans nach Abpfiff in die Straßen strömten, klopfte ein älterer Herr im Stars-Schal seinem Enkel auf die Schulter und sagte: "Siehst du, Junge - so fühlt sich Fußball an. Freude, Ärger und kalte Füße." Der Kleine nickte, grinste und rief: "Aber cool war’s trotzdem!" Und ja, cool war’s. Ein 2:2, das niemanden wirklich zufriedenstellte, aber alle irgendwie glücklich machte. Vielleicht, weil es genau das war, was man an einem frostigen Februarabend im kanadischen Fußball braucht: Leidenschaft, Chaos und ein bisschen Verrücktheit - verpackt in 90 Minuten, die man so schnell nicht vergisst. 26.07.643990 21:35 |
Sprücheklopfer
Es ist wichtig, dass man neunzig Minuten mit voller Konzentration an das nächste Spiel denkt.
Lothar Matthäus