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Wenn Trainer Andreas Passmann von America Pereira nach dieser Partie noch Lust auf Fußballvideos hat, dann wohl nur, um sich einen Liebesfilm zur Beruhigung anzusehen. Seine Mannschaft wurde beim 0:4 gegen UD Bucaramanga im heimischen Stadion vor 50.000 Zuschauern regelrecht seziert - fachgerecht, präzise und mit einem Lächeln auf den Gesichtern der Gäste. Dabei begann alles recht harmlos. Robert Warriner prüfte in der 7. Minute Gästetorhüter Finlay Linney mit einem Schuss, der mehr an eine freundliche Begrüßung als an eine ernsthafte Drohung erinnerte. "Da dachte ich noch: Wir sind heute gut drin", erzählte Passmann später mit einem Seufzen, das irgendwo zwischen Ironie und Resignation pendelte. Doch Bucaramanga schüttelte sich kurz, rückte ein paar Meter auf - und übernahm. In der 18. Minute durfte ausgerechnet Innenverteidiger Emiliano Amendolara den Torreigen eröffnen. Nach einer Ecke von Manfred Hansen stieg der 33-Jährige hoch wie ein junger Hirsch, während Pereiras Hintermannschaft kollektiv die Bodenhaftung suchte. 0:1 - und das war noch schmeichelhaft für die Gastgeber. Bis zur Pause spielte Bucaramanga fast schon höflich. 51,8 Prozent Ballbesitz, 18 Torschüsse insgesamt - die Zahlen sprechen eine klare Sprache, aber sie erzählen nur die halbe Geschichte. Denn die Kolumbianer in Gelb (und heute in Galaform) wirkten in jeder Aktion überzeugt, während Pereira mit jedem Fehlpass einen Zentimeter kleiner wurde. "Wir haben einfach unser Spiel durchgezogen", grinste Papa Ancelotti, der Trainer der Gäste, nach dem Abpfiff. "Offensiv, aber nicht übermütig - wir wollten Spaß haben. Und, ehrlich, das hat man wohl gesehen." Nach dem Seitenwechsel wurde der Spaß dann endgültig einseitig. Jean-Pierre Blanchett, der rechte Wirbelwind mit französischem Flair, traf in der 59. Minute zum 0:2 - nach feinem Zuspiel von Xavier Santos. Nur zehn Minuten später revanchierte sich Santos, indem er nach Vorlage von Fabio Antonio das 0:3 markierte. Pereira stand zu diesem Zeitpunkt mehr in der Nähe des eigenen Strafraums als im Spielplan vorgesehen. Und als die Heimfans begannen, ironisch "olé" zu rufen, wenn ihre Mannschaft mal zwei Pässe am Stück schaffte, setzte Bucaramanga noch einen drauf: Fabio Antonio, der wuchtige Mittelstürmer, netzte in der 76. Minute zum 0:4 ein. Rui Mascarenhas hatte den Ball vorher so elegant in den Strafraum gelöffelt, dass man fast vergessen konnte, dass Fußball eigentlich kein Ballett ist. "Ich hab’ den Schuss schon im Kopf gehört, bevor er ihn getroffen hat", sagte Torhüter Jorge Montanes hinterher. "Leider war das Geräusch der Ballannahme schon das Schönste an der Szene." America Pereira versuchte es tapfer: Sandoval und Warriner prüften Linney noch ein paar Mal, aber ohne Fortune. Acht Torschüsse, kein Treffer - das Fazit des Abends: viel Mühe, wenig Wirkung. Die Gelbe Karte von Warriner in der 23. Minute passte ins Bild - ein Zeichen des Frusts eines Spielers, der sonst für Präzision steht. Bucaramanga hingegen verteilte die Karten besser: Gelb für Rui Mascarenhas (73.) und für den jungen Dimas Mascarenhas (92.), aber da stand das Ergebnis längst fest. Die Statistiken untermauern das Schauspiel: 18 Schüsse auf das Tor von Pereira, 53,1 Prozent gewonnene Zweikämpfe, und eine Offensive, die sich trotz klarer Führung nie zurücklehnte. Selbst die Taktikwerte zeigen, dass Ancelottis Elf von Beginn an auf Angriff eingestellt war - offensives Alignment, sicheres Schussverhalten, kein Pressing nötig. Pereira dagegen blieb "balanciert", was an diesem Abend leider ein anderes Wort für "harmlos" war. Nach dem Spiel diskutierten die Heimfans noch auf den Rängen. Ein älterer Herr fasste es treffend zusammen: "Wenn du vier Dinger kriegst und dein bester Mann der Platzwart ist, dann weißt du, dass was schiefläuft." Trainer Passmann suchte nach Worten - und fand immerhin Humor: "Ich hab den Jungs gesagt, sie sollen mutig spielen. Hat geklappt - mutig waren sie, nur das Spielen hat gefehlt." Für Bucaramanga war es ein Statement-Sieg. Vier verschiedene Vorlagengeber, drei Stürmer in Torlaune, ein Innenverteidiger als Eröffnungstorschütze - das nennt man mannschaftliche Geschlossenheit. Und so verließen die Gäste den Rasen von Pereira mit breiten Grinsen und einem zufriedenen Trainer, der auf die Frage nach dem Geheimnis seines Erfolgs nur meinte: "Einfach Fußball spielen. Und wenn’s läuft, dann läuft’s." Für America Pereira läuft’s derzeit jedoch bergab. Und wenn sie nicht bald den Reset-Knopf finden, droht aus der "balancierten" Spielweise eine Schieflage, die schwer zu reparieren ist. Aber immerhin: Der Sonnenuntergang über Pereira war schön. Und das ist ja auch eine Art Trost. 11.08.643993 05:12 |
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Ich grüße meine Mama, meinen Papa und ganz besonders meine Eltern.
Mario Basler