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Ein lauer Abend in Bucaramanga, 54.354 Zuschauer, südamerikanische Leidenschaft in jeder Pore - und am Ende ein Heimsieg, der härter erarbeitet war, als es das 2:1 gegen Deportivo Cuyabro vermuten lässt. Trainer Papa Ancelotti stand nach dem Abpfiff mit leicht zerzaustem Haar und einem zufriedenen Lächeln an der Seitenlinie: "Wir wollten das Spiel kontrollieren, haben es aber lieber zweimal aus der Hand gegeben, um es danach doppelt so schön zurückzuholen", sagte er schmunzelnd. Dabei begann die Partie so, wie man es sich als Heimfan wünscht: druckvoll, wild, fast schon anarchisch. Schon nach zwei Minuten prüfte Rui Mascarenhas den gegnerischen Keeper mit einem satten Schuss, der die Handschuhe von Jordi Caneira ordentlich auf Temperatur brachte. Bucaramanga spielte, als ginge es um mehr als nur Punkte - vielleicht um Stolz, vielleicht um die Ehre des kolumbianischen Nordens. In der 10. Minute dann das erste Mal Ekstase: Nach einem feinen Steckpass von Diego Brito tauchte der junge Paulo Cunha links im Strafraum auf und drosch das Leder trocken ins Eck. 1:0, und das Stadion bebte. "Ich hab gar nicht nachgedacht, einfach draufgehalten", grinste Cunha später, während er sich noch das Trikot zurechtrückte. Doch die Freude hielt nicht einmal eine Minute. Kaum hatte der Stadionsprecher den Torschützen zu Ende verkündet, da schlug Cuyabro zurück. Rechtsverteidiger Javi Travassos marschierte über die Linie, flankte halbhoch in den Sechzehner - und Agustin Butragueno, der Name verpflichtet, nickte zum 1:1 ein. Die Gäste jubelten mit der stoischen Eleganz einer Mannschaft, die wusste: Wir sind noch lange nicht fertig. Danach entwickelte sich ein offenes Spiel, in dem Bucaramanga zwar 24 Schüsse abfeuerte, aber immer wieder an der eigenen Ungeduld scheiterte. Cuyabro lauerte auf Konter, hatte mit 51 Prozent sogar leicht mehr Ballbesitz, doch die Präzision fehlte. "Wir wollten nicht nur den Ball, wir wollten auch das Spiel", erklärte Cuyabros Mittelfeldroutinier Albert Valente. "Leider hatten wir am Ende nur ersteres." Zur Pause stand es 1:1, und Papa Ancelotti nutzte den Moment für ein wenig Improvisation: Gleich zwei Wechsel, zwei frische Offensivkräfte - oder besser gesagt: ein taktisches Puzzle, das niemand so recht verstand. "Er hat uns gesagt, wir sollen einfach Spaß haben", erzählte Innenverteidiger Jarne Dedobbelaer später lachend. "Das war das Codewort für ’Rennt, bis euch die Lunge brennt’." Die zweite Hälfte brachte dann das, was man gemeinhin als "typisches Bucaramanga-Spiel" bezeichnet: energisch, aber fahrig; dominant, aber nicht zwingend. Gelbe Karten für Gerard Caron (65.) und Lewis Young (67.) zeigten, dass der Einsatz stimmte - die Präzision weniger. Als Dimas Mascarenhas in der 71. Minute verletzt liegenblieb, hielt das Stadion kurz den Atem an. Ancelotti reagierte blitzschnell und brachte Attila Radoki, der später ebenfalls Gelb sah. Und dann kam die 73. Minute - und mit ihr der Moment, der das Stadion endgültig explodieren ließ. Wieder war es Diego Brito, der die zündende Idee hatte, und Rui Mascarenhas, der sie in ein Kunstwerk verwandelte: Ein Schlenzer aus gut 18 Metern, so präzise, dass selbst der Torpfosten ehrfürchtig zitterte. 2:1! Mascarenhas rannte jubelnd zur Eckfahne, breitete die Arme aus und rief in Richtung Publikum: "Das war für Dimas!" Cuyabro versuchte noch einmal alles, doch die Angriffsbemühungen verpufften - nicht zuletzt, weil Bucaramangas Abwehr mit Dedobbelaer und Young plötzlich so kompromisslos aufräumte, als hätten sie das Chaos der ersten Halbzeit persönlich beleidigt. In der Nachspielzeit sah Radoki noch Gelb (92.), aber das störte niemanden mehr. Der Schlusspfiff ging im kollektiven Freudenschrei unter, und Ancelotti wurde von seinen Spielern fast erdrückt. "Ich bin zu alt für solche Siege", stöhnte er lachend, "aber sie schmecken immer noch gut." Statistisch betrachtet hätte das Spiel auch höher ausgehen können - 24 Torschüsse zu 8, 56 Prozent gewonnene Zweikämpfe und mehr Leidenschaft pro Quadratmeter Rasen, als man zählen kann. Doch das Ergebnis stand, und die Fans sangen noch lange nach Abpfiff. Vielleicht war es kein perfekter Fußballabend - aber einer, der zeigte, warum man diesen Sport liebt: weil er unberechenbar, wild und manchmal einfach schön ist. Und weil man in Bucaramanga gelernt hat: Selbst ein 2:1 kann sich anfühlen wie ein kleines Meisterstück. 19.09.643987 02:37 |
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Wir müssen vor dem Tor einfach cooler sein, einfach heißer.
Thomas Doll