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Es begann wie ein Märchen für die Gastgeber - und endete wie ein Lehrfilm in Sachen Effizienz. Deportivo Olimpia verlor am 7. Spieltag der 1. Liga Paraguay vor 20.000 Zuschauern im eigenen Stadion mit 1:3 gegen UD 2 de Mayo. Dabei hatte alles so gut angefangen: Schon in der 2. Minute donnerte Jacinto Xuarez den Ball nach Vorarbeit von Javier Ferrer ins Netz. Die Heimfans jubelten, als wäre das Spiel schon entschieden. Spoiler: war es nicht. "Wir wollten früh Druck machen und das Spiel an uns reißen", erklärte Olimpia-Kapitän Carlos Agirre später mit einem bitteren Lächeln. "Das hat dann halt ungefähr vier Minuten funktioniert - bis Cristobal Assis meinte, Gelb wäre heute seine Lieblingsfarbe." Tatsächlich sah der Innenverteidiger in der 4. Minute die erste Verwarnung des Abends, was dem ohnehin nervösen Abwehrverbund nicht half. UD 2 de Mayo, eine junge, laufstarke Truppe unter Trainer Nurullah Sahin, brauchte ein paar Minuten, um sich zu ordnen. Dann aber rollte Angriff um Angriff auf das Tor von Joao Gomes zu. 17 Torschüsse sollten es am Ende werden - gegen gerade einmal 5 von Olimpia. Der Ausgleich fiel in der 25. Minute: Der 19-jährige Gabriel Landry traf nach feinem Zuspiel von Tim Lorenz und feierte, als hätte er gerade die Champions League gewonnen. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste der Teenager nach Abpfiff. "Ich hab ja keine Zeit, groß nachzudenken - ich bin 19!" Bis zur Pause blieb es beim 1:1, doch das Ergebnis täuschte. 2 de Mayo hatte das Spiel längst übernommen, während Olimpia nur noch auf Konter hoffte. "Wir wollten ruhig bleiben", sagte Gästecoach Sahin. "Die Jungs sollen Fußball spielen, nicht kämpfen. Naja, bis Minute 77 vielleicht - da wurde es dann etwas… temperamentvoll." Er meinte damit die Gelbflut in der Schlussphase. Allein die Gäste sahen in der zweiten Halbzeit vier Verwarnungen - Angelo Usai (77.), Robert Aubin (79.), Sebastian Hummel (81.) und schon zuvor Paolo Fossato (50.) ließen den Schiedsrichter ordentlich schreiben. "Ich hab mein Notizbuch fast durch", witzelte der Unparteiische nach dem Spiel. Doch zwischen den gelben Karten lag die Entscheidung: In der 71. Minute traf Tim Lorenz selbst - diesmal nach Vorlage von Hjalmar Bruhn - zum 2:1 für die Gäste. Ein Schuss wie ein Strich, Gomes streckte sich vergeblich. Olimpia taumelte, 2 de Mayo roch Blut. Nur neun Minuten später legte Hummel nach, ebenfalls auf Pass von Bruhn, der an diesem Abend als linker Mittelfeldspieler mehr Kilometer machte als ein Linienrichter in der Kreisliga. 3:1, und das völlig verdient. "Wir haben einfach aufgehört, an uns zu glauben", gestand Olimpia-Coach (dessen Name im Vereinsprotokoll seltsamerweise nicht überliefert ist) hinterher. "Nach dem 1:2 war der Stecker gezogen. Und wenn du dann siehst, wie der 19-Jährige da vorne rennt, dann willst du auch lieber wieder 19 sein." Taktisch blieb alles, wie es begann: Beide Teams traten in einer ausgewogenen Formation an. Olimpia spielte ohne Pressing, fast stoisch, während 2 de Mayo gegen Ende auf volles Risiko setzte - Pressing, starker Einsatz, aggressives Nachsetzen. Belohnt wurde der Mut mit einem klaren Sieg und glänzenden Gesichtern in der Kabine. "Ich hab den Jungs gesagt: Wenn ihr schon Gelb sammelt, dann wenigstens mit Toren im Gepäck", lachte Trainer Sahin zum Abschluss. Und tatsächlich: Seine Mannschaft wirkte jugendlich stürmisch, aber nie kopflos. Die Mischung aus Talent und Tatendrang war an diesem Abend zu viel für ein lethargisches Olimpia. Die Zuschauer verließen das Stadion mit gemischten Gefühlen: Der frühe Traum vom Heimsieg war zur bitteren Lektion geworden. "Wir hatten 50 Prozent Ballbesitz", murmelte ein Fan auf dem Weg zum Parkplatz, "aber was bringt das, wenn die anderen 100 Prozent Zielwasser hatten?" Ein sarkastischer Kommentar, der das Spiel perfekt zusammenfasst. Olimpia hatte Kontrolle, 2 de Mayo hatte Tore - und am Ende sind es bekanntlich die, die zählen. Vielleicht nimmt Olimpia aus dieser Niederlage wenigstens eines mit: dass Fußball keine Frage der Statistik ist, sondern des Willens. Und der war an diesem Abend eindeutig himmelblau. Oder, wie Sahin es trocken formulierte: "Wir wollten zeigen, dass 19-Jährige auch schon 90 Minuten lang erwachsen sein können." Aufgabe erfüllt. 19.01.643994 21:07 |
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Leichte Bälle zu halten ist einfach. Schwierige Bälle zu halten ist immer schwierig.
Otto Rehhagel