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Es war ein Abend, an dem die Verteidiger beider Teams wohl lieber auf der Tribüne gesessen hätten. 27.000 Zuschauer im Estadio Olímpico de Mérida sahen ein Spiel, das kaum Zeit zum Luftholen ließ - und das am Ende mit 4:5 aus Sicht des Colegio Mérida endete. Jürgen Klopp, der emotionale Taktikfuchs an der Seitenlinie der Hausherren, stand fassungslos da, während Carlos Valderrama und seine blonde Mähne an der Seitenlinie von CD Guayana im Schlussjubel fast verschwanden. Schon in der 18. Minute ging Mérida durch Roger Bergen in Führung. Der 33-jährige Rechtsaußen, der offenbar beschlossen hatte, sein eigenes Torfestival zu veranstalten, schlenzte den Ball nach schönem Zuspiel von Emanuele Cattaneo in den Winkel. "Ich hab einfach draufgehalten, ehrlich gesagt", grinste Bergen später, "und gehofft, dass der Ball nicht auf dem Parkplatz landet." Nur elf Minuten später tat er es schon wieder: Bergen, diesmal nach einem Eckball von Paulo Marquez, traf zum 2:0. Klopp war da noch bester Laune, klatschte, schrie, grinste. Doch kaum hatte er sich gesetzt, schlug Guayana zurück. Vicente Adao (31.) - eiskalt nach Vorlage des jungen Innenverteidigers Roberto Melendez - und Claude Marcel (35.) glichen binnen vier Minuten aus. "Da dachte ich kurz, ich bin in einem Tennismatch", sagte Klopp nach dem Spiel mit einem bitteren Lachen. "2:0, 2:2 - und das nach einer halben Stunde. Vielleicht sollten wir an unserer Balance arbeiten." Zur Pause also 2:2, beide Teams mit offenem Visier, beide mit offensiver Ausrichtung, wie es die Statistik später bestätigte: 17 Torschüsse für Guayana, 10 für Mérida. Auch der Ballbesitz war fast ausgeglichen - 51 zu 49 Prozent für die Gäste. Nach der Pause ging der Wahnsinn weiter. Mérida kam aggressiv aus der Kabine, und in der 58. Minute war es Julio Machado, der nach einem langen Pass von Marquez zum 3:2 traf. Es roch nach Heimsieg. Doch Guayana ließ sich nicht beeindrucken. Adao traf erneut (65.), diesmal nach feinem Zuspiel von Matthias Ingels, und der quirlige Nikifor Sytschow legte in der 76. Minute nach, als Dominique Couture die halbe Abwehr schwindlig gespielt hatte. "Nikifor? Den kriegst du nicht zu fassen, nicht mal mit Fangnetz", lachte Valderrama später. "Er ist wie ein kleiner Kolibri - aber mit Schusskraft wie ein Presslufthammer." Doch Mérida war noch nicht tot. In der 83. Minute köpfte Cattaneo nach einem Abpraller zum 4:4 ein, das Stadion bebte, und Klopp rannte die Linie entlang, als wäre es das Champions-League-Finale. "Ich dachte, das war’s jetzt", sagte der Coach. "Aber offenbar hatte Guayana andere Pläne." Denn in der Nachspielzeit schlug wieder Sytschow zu (91.), nach einem klugen Rückpass von Rechtsverteidiger Joao Herreros. Der Ball zappelte im Netz, und während Valderrama die Arme gen Himmel riss, sank Klopp auf die Knie. "So ist Fußball", murmelte er später. "Manchmal gewinnst du, manchmal stehst du da wie ein begossener Pudel." Die Fans in Mérida jedenfalls bekamen ein Spektakel, das in Erinnerung bleiben wird. "Das war Rock’n’Roll-Fußball in Reinform", sagte ein Zuschauer lachend, "nur dass wir die Gitarre weggeworfen haben, bevor das Solo kam." Statistisch gesehen hätte Mérida kaum mehr tun können: 10 Torschüsse, ordentlicher Ballbesitz, voller Einsatz. Aber Guayana war an diesem Abend schlicht effizienter, abgeklärter - und vielleicht auch ein bisschen frecher. Valderrama fasste es lässig zusammen: "Wir wussten, dass sie angreifen würden. Also haben wir einfach öfter getroffen." Ein Abend also, an dem neun Tore fielen, kein Zuschauer früh nach Hause ging und beide Trainer genug Stoff für ihre Memoiren sammelten. Klopp, halb ernst, halb schmunzelnd: "Ich glaube, ich brauche Urlaub. Oder wenigstens eine Verteidigung." Und irgendwo in Mérida lachte Roger Bergen noch - wahrscheinlich, weil er wusste, dass man trotz Niederlage selten so viel Spaß auf dem Platz hatte. Was bleibt? Fußball kann grausam sein, aber manchmal ist er auch einfach ein Feuerwerk. Und dieses hier leuchtete bis tief in die venezolanische Nacht. 23.10.643987 14:41 |
Sprücheklopfer
Es gibt nur einen Ball. Wenn der Gegner ihn hat, muß man sich fragen: Warum!? Ja, warum? Und was muß man tun? Ihn sich wiederholen!
Giovanni Trappatoni