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Ein Spiel wie ein Hollywood-Drehbuch, nur dass niemand das Ende schreiben wollte: Der FC Gladbeck und der SC Hamburg trennten sich am 33. Spieltag der 1. Liga mit 3:3 - ein Ergebnis, das genauso wild war, wie es klingt. 39.713 Zuschauer im Gladbecker Stadion sahen ein Spektakel aus frühen Treffern, doppelten Doppelpacks und einem Finale, das eher nach Rock’n’Roll als nach Taktiktafel schmeckte. Kaum hatte Schiedsrichterin Weller angepfiffen, da bebte die Tribüne. In der zweiten Minute brachte Martin Jemez den FC Gladbeck in Führung - und zwar so früh, dass der Stadionsprecher noch mit dem Wetterbericht beschäftigt war. Milan Obradovic hatte den Ball erobert, Jemez drosch ihn volley in die Maschen. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste der Stürmer später. Ein Satz, den man ihm angesichts der Wucht des Schusses gerne abnimmt. Doch Hamburg antwortete wie eine beleidigte Diva. Nur acht Minuten später tanzte Maurizio Torre di Ruggiero durch die Gladbecker Abwehr wie durch einen Sonntagsspaziergang, bedient von Marc Doreste - 1:1. Torre di Ruggiero, 32, zeigte, dass Alter manchmal nur eine Zahl ist. "Ich bin vielleicht langsamer, aber klüger", sagte er nach dem Spiel mit einem Zwinkern. Dann folgte das, was man in Gladbeck wohl "Stürmerfestspiele" nennen darf: In der 29. Minute stellte wieder Jemez auf 2:1, diesmal nach feinem Doppelpass mit Sturmpartner Philip Kuhn. Die beiden verstanden sich blind - oder wie Jemez später lachend erklärte: "Wir reden einfach nicht mehr miteinander, das klappt besser." Aber Hamburgs Maurizio hatte noch nicht genug. Kurz vor der Pause (41.) haute er sein zweites Tor des Abends rein, nach Pass von Leonidas Mitroglou. Halbzeitstand: 2:2. Die Fans atmeten durch, die Trainer eher nicht. El Comandante, der charismatische Coach der Gladbecker, war in der Pause kaum zu halten. "Wir spielen wie Löwen, aber verteidigen wie Lämmer", brüllte er lautstark in Richtung Kabine. SC-Trainer Tim Engel blieb hingegen cool, kaute an seiner Wasserflasche und murmelte: "Geduld ist eine Tugend - vor allem, wenn man hinten vier Mann hat, die das Wort ’Tugend’ nicht buchstabieren können." Nach dem Seitenwechsel ging’s weiter im Takt des Wahnsinns. In der 58. Minute brachte Philip Kuhn die Gastgeber erneut in Führung - ein feines Zuspiel von Caio Castro, ein Schlenzer ins lange Eck, und schon stand’s 3:2. Das Stadion vibrierte. Gladbeck spielte nun mit offenem Visier, elf Torschüsse insgesamt, Pressing bis zur Schmerzgrenze. Doch kaum hatte der Stadionsprecher das Tor zu Ende gefeiert, antwortete Hamburg wieder. Eine Minute später (59.) war es ausgerechnet der junge Marc Doreste, der nach Vorlage von Peter Bender den Ausgleich markierte. Doreste, 23, tanzte zur Eckfahne und zeigte ein Herz in Richtung Gästeblock. "Ich wollte den Fans was zurückgeben - und vielleicht meiner Ex zeigen, dass ich doch treffen kann", scherzte er später. Danach wurde gewechselt, als gäbe es Punkte für Kreativität: Hamburg brachte gleich drei frische Jungs, darunter den 17-jährigen Aris Seitaridis, der in seinem ersten Profispiel aussah, als wäre er gerade vom Schulhof gekommen. Gladbeck reagierte mit frischem Blut auf den Flügeln - Antonio Helguera kam für den müde gewordenen Francisco Gallardo. Die letzten 20 Minuten waren ein einziger Schlagabtausch. Gladbeck rannte an, Hamburg konterte. Pedro Valdez hämmerte in der 70. Minute drauf, Nevio Bermudo im Hamburger Tor fischte den Ball mit den Fingerspitzen. Dann wieder Hamburg: Mitroglou prüfte Adler im Gladbecker Kasten, der mit einer Flugeinlage für die Galerie rettete. Am Ende blieb es beim 3:3 - ein Ergebnis, das niemandem so richtig passte, aber jedem irgendwie gerecht wurde. Die Statistik unterstreicht das: Gladbeck mit elf Torschüssen und 46,6 Prozent Ballbesitz, Hamburg mit etwas mehr vom Spiel (53,4 Prozent) und der Erkenntnis, dass man auch ohne Pressing Tore schießen kann. "Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, ob ich lachen oder schreien soll", sagte FC-Coach El Comandante später. "Wir haben alles gegeben - aber vielleicht zu viel vorne und zu wenig hinten." Tim Engel nahm es mit norddeutscher Gelassenheit: "Ein Punkt ist ein Punkt. Und sechs Tore sind immerhin Unterhaltung fürs Eintrittsgeld." Als das Flutlicht erlosch, blieb das Gefühl, ein Spiel gesehen zu haben, das keinen Sieger brauchte. Nur Zuschauer, die sich fragten, ob das da wirklich Bundesliga war - oder einfach Fußball, wie man ihn liebt: wild, unberechenbar und mit einem Augenzwinkern. Oder, wie ein älterer Gladbeck-Fan beim Bierstand meinte: "Wenn sie immer so spielen, kauf ich mir endlich wieder eine Dauerkarte - aber nur, wenn sie mir vorher Herztabletten sponsern." 13.04.643990 16:50 |
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