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Ein lauer Januarabend in Pereira, 54.198 Zuschauer im Estadio Hernán Ramírez Villegas, und alles roch nach Fußball - nach richtig viel Fußball. Was Real Pereira und UD Bucaramanga am 5. Spieltag der 1. Liga Kolumbiens ablieferten, sprengte jedoch jede Statistiksoftware: 6:6. Kein Tippfehler. Zwölf Tore, ein gelber Karton, drei Auswechslungen und ein Trainerduell, das eher an ein Schachspiel im Sturm erinnert. "Ich hab irgendwann aufgehört, mitzuzählen", grinste Real-Trainer Merlin Polzin nach der Partie. "Ich dachte, wir spielen Handball." Und tatsächlich: Schon nach fünf Minuten klingelte es erstmals, als Lionel Caneira, der 33-jährige Rechtsaußen mit der Ausdauer eines Marathonläufers, nach Vorarbeit von Gerard Blanchet eiskalt einschob. Pereira führte - und der Torregen nahm seinen Lauf. Bucaramanga antwortete in der 22. Minute durch Bernardo Tristan, der nach feinem Zuspiel von Attila Radoki den Ball in den Winkel drosch. Danach schien es, als hätten beide Defensivreihen beschlossen, kollektiv Urlaub zu nehmen: Callum Kenny traf für Pereira (26.), Pascal Letourneur glich aus (30.), und nur zwei Minuten später legte Iker Allegri das 3:2 für Bucaramanga nach. Halbzeitstand: 2:3. Die Fans atmeten durch, die Stadionverkäufer meldeten Rekordumsätze an Wasserflaschen - und der Reporter auf der Pressetribüne fragte sich, ob er genug Platz auf seinem Notizblock habe. Die zweite Hälfte begann, wie die erste aufgehört hatte: mit Toren. Kenny, der bullige Mittelstürmer, köpfte in der 47. Minute nach Flanke von Juan Garces zum 3:3 ein. "Ich wollte eigentlich flanken", gestand Garces später lachend, "aber Callum hat einfach den Kopf dazwischengehalten - wie immer." Doch Bucaramanga hatte etwas gegen die aufkommende Euphorie des Heimteams. In der 56. Minute stellte Tristan mit einem satten Rechtsschuss auf 4:4, nachdem Gaudin zwei Minuten zuvor Pereira mit seinem zweiten Treffer (54.) wieder in Führung gebracht hatte. Das Spiel war ein Pendel, das keiner zu stoppen vermochte. In der 65. Minute war erneut Paul Gaudin zur Stelle, diesmal nach feinem Zuspiel des eingewechselten Alexander Carey. Drei Minuten später schlug Bucaramanga zurück - Letourneur traf erneut, vorbereitet von Benyamin Fournier. Und als hätte das Ganze noch eine Pointe gebraucht, trafen in der Schlussphase sogar die Außenverteidiger: Blanchet (78.) für Pereira, Prinsloo (81.) für Bucaramanga. 6:6. Die Fans standen, klatschten und grinsten. Man kann ein Fußballspiel verlieren, man kann es gewinnen - oder man kann es einfach feiern. Trainer Ancelotti, der Papa mit der Ruhe eines Philosophen, zog nach dem Schlusspfiff seine Augenbrauen hoch, als wolle er sagen: "Habt ihr das gesehen?" In Worten klang es dann so: "Wir wollten offensiv spielen, das ist uns gelungen. Vielleicht ein bisschen zu sehr." Seine Statistik belegt es: 60 Prozent Ballbesitz, 16 Torschüsse - und trotzdem kein Sieg. Pereira, mit nur 39 Prozent Ballbesitz, zeigte sich als Musterbeispiel für Effizienz. "Wir haben auf Konter gesetzt, und manchmal hat’s funktioniert. Manchmal halt zu gut - dann wollten alle nach vorne", seufzte Polzin. In der Tat: Seine Mannschaft spielte von Anfang an offensiv, mit vollem Einsatz und später sogar aktivem Pressing. Dass dabei hinten gelegentlich Lücken klafften, war kaum zu übersehen. Die einzige Gelbe Karte des Spiels ging an Bucaramangas Rechtsverteidiger Lewis Young in der 38. Minute - vermutlich aus purer Frustration, weil er der Einzige war, der noch ans Verteidigen dachte. Kurz darauf durfte er in der Halbzeitpause duschen gehen, allerdings freiwillig: Ancelotti brachte Anton Ragulin. Auch die Wechsel auf Pereira-Seite sorgten für frischen Wind: Carey kam für Parisi (55.), Filipe Morte ersetzte Caneira (66.) und Benoi tauschte für Eckert (77.). Besonders Morte fiel auf - er bereitete prompt das sechste Tor von Blanchet vor. Nach dem Spiel standen die Spieler beider Teams Arm in Arm vor der Fankurve. "Das war kein Fußballspiel, das war Kunst", rief Callum Kenny ins Mikrofon, während Paul Gaudin daneben kicherte: "Kunst? Ich nenne das Chaos mit Stil." Und so ging ein Abend zu Ende, der wohl in die Annalen der Liga eingehen wird. Zwölf Tore, kein Sieger, aber jede Menge Geschichten. Pereira gegen Bucaramanga - ein Spiel, das man seinen Enkeln erzählen wird. Oder zumindest dem Kollegen in der Kaffeeküche. "Wenn jedes Spiel so wäre", meinte Trainer Polzin zum Abschied, "würde ich wohl nie in Rente gehen. Oder sehr bald." Ein Fazit, das passt: Wer hier nicht auf seine Kosten kam, war entweder Torwart oder Statistiker. 06.03.643987 10:27 |
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Berti Vogts ist die arme Sau, die von den Medien durchs Dorf getrieben wird.
Rainer Calmund