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Wer an diesem Dienstagabend im Estadio Garcilaso de la Vega nur kurz Bier holen ging, hat vermutlich ein Tor verpasst. 4:4 endete das wilde Spektakel zwischen Cienciano und Atletico Chetumal in der Copa-Libertadores-Qualifikation - ein Spiel, das alles bot: Traumtore, Gelbe Karten, eine Verletzung, und zwei Trainer, die danach so klangen, als hätten sie gerade zwei völlig unterschiedliche Partien gesehen. Von Beginn an war klar: Hier wollte keiner abwarten. Cienciano-Coach Jochen Milberg hatte seine Elf offensiv ausgerichtet - und das zahlte sich früh aus. In der 6. Minute zappelte der Ball zum ersten Mal im Netz: Rechtsaußen Javier Carvalho vollendete nach feiner Vorarbeit von Linksverteidiger Guillermo Calvente mit einem satten Rechtsschuss ins lange Eck. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Carvalho später, "und gehofft, dass der Ball nicht auf dem Parkplatz landet." Doch Cienciano hatte Blut geleckt. Nach einer Serie von Torschüssen - insgesamt 18 sollten es bis zum Ende werden - legte Innenverteidiger Xabier Baiao in der 23. Minute das 2:0 nach. Wieder kam der Assist von Calvente, der an diesem Abend offenbar beschlossen hatte, als verkappter Spielmacher zu agieren. Das Stadion bebte, 40.000 Zuschauer sangen sich heiser, und Trainer Milberg pumpte die Fäuste in die Luft. Doch Chetumal wäre nicht Chetumal, wenn sie sich einfach ergeben würden. Nach Gelben Karten für Sergej Anjukow (15.) und Santiago Dominguez (17.) schien kurz Unruhe ins Spiel zu kommen, ehe Evan Millington in Minute 33 und 34 mit einem Doppelschlag den Ausgleich herstellte. Zweimal eiskalt, zweimal von der rechten Seite, zweimal jubelte der 22-Jährige, als hätte er gerade das Finale entschieden. "Wir wussten, dass sie hinten Räume lassen", meinte Chetumal-Trainer Bastian Roemmler später trocken. "Wir haben sie genutzt. Zumindest für zehn Minuten." Doch kaum war der Jubel verhallt, schlug wieder Carvalho zu - diesmal nach Flanke von Rechtsverteidiger Jose Maria Silva (36.). Und als Baiao in der 43. Minute nach einem Eckball von Nael Pacos per Kopf das 4:2 markierte, dachten viele, das Spiel sei entschieden. "In der Kabine hab ich gesagt: Jungs, jetzt bloß nicht wieder den Zirkus machen", erzählte Milberg hinterher. "Aber offenbar hat keiner zugehört." Denn kaum war die zweite Hälfte angepfiffen, meldete sich Atletico Chetumal zurück. In der 50. Minute traf Amaury Dominguez nach schöner Vorlage seines Namensvetters Santiago Dominguez zum 4:3. Ein Treffer, der Cienciano sichtlich verunsicherte. Die Laufwege stimmten nicht mehr, die Pässe kamen verspätet, und plötzlich drückten die Gäste. In der 60. Minute wechselte Roemmler doppelt - brachte den jungen Eskil Dahlström und den agilen Luca Fricke - und hatte damit ein goldenes Händchen. Die Partie wurde ruppiger, Ciencianos Guillermo Calvente sah Gelb (77.), und als alle dachten, die Hausherren würden das Ergebnis über die Zeit schaukeln, kam die 74. Minute wie ein Donnerschlag: Mikhail Kalaschnikow - ja, der Name ist Programm - hämmerte den Ball nach Vorarbeit von Morgan Cort zum 4:4-Endstand ins Netz. "Das war kein Schuss, das war Artillerie", staunte ein Zuschauer auf der Tribüne. Danach ging es drunter und drüber. Ciencianos Stürmer Miguel Diez verletzte sich (83.), humpelte vom Platz, während Milberg wild gestikulierend seinen Routinier Diego Makukula einwechselte. "Ich hab gesagt, Diego, geh rein und halte den Ball - und was macht er? Rennt sofort nach vorn!", lachte der Trainer später kopfschüttelnd. Die Schlussphase war ein einziges Chaos aus Chancen, Fehlpässen und verzweifelten Rettungsaktionen. Cienciano presste mit letzter Kraft, Atletico lauerte auf Konter. Beide Teams spielten, als gäbe es kein Morgen - und vielleicht war das genau das, was dieses Spiel so unvergesslich machte. Am Ende stand ein 4:4, das keiner so recht einordnen konnte. "Für die Zuschauer war’s sicher schön", murmelte Milberg, "für mein Herz weniger." Roemmler dagegen grinste: "Ein Punkt auswärts, vier Tore - ich beschwer mich nicht. Aber meine Abwehr darf sich morgen warm anziehen." Statistisch gesehen war Cienciano leicht überlegen - 53,6 Prozent Ballbesitz, 18 Torschüsse, etwas bessere Zweikampfquote. Doch das alles zählt wenig, wenn man vier Gegentore kassiert. Und so gingen die Fans mit gemischten Gefühlen nach Hause: zwischen Begeisterung und leichter Verzweiflung. Ein Spiel wie eine Achterbahnfahrt - mit offenen Türen und ohne Sicherheitsbügel. Und wer weiß: Vielleicht begegnen sich diese beiden Teams noch einmal. Am besten mit etwas weniger Drama - aber wer würde das schon wirklich wollen? 16.12.643993 01:08 |
Sprücheklopfer
Wir müssen vor dem Tor einfach cooler sein, einfach heißer.
Thomas Doll