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Es war einer dieser Abende in Ibagué, an denen das Flutlicht heller schien als die Ideen von Tolima FC. 40.000 Zuschauer hatten sich auf den Rängen versammelt, um ihr Team beim 7. Spieltag der 1. Liga Kolumbien zu unterstützen - und sie wurden Zeugen einer Partie, die sich vom gemütlichen Null-Null zur Achterbahnfahrt entwickelte. Am Ende stand ein 1:2 aus Sicht der Hausherren gegen UD Bucaramanga, und Trainer Papa Ancelotti grinste so breit, dass man ihm fast den Spitznamen "Papa Glückspilz" hätte verpassen können. Dabei begann alles wie gemalt für Tolima. Nach einer zähen ersten Halbzeit, in der Bucaramanga schon früh durch Rui Mascarenhas (1. Minute!) und Antonio Hermenegildo (5. Minute) andauernd auf das Tor von Claude Robert schoss, wähnten sich die Gastgeber zur Pause noch sicher. "Wir hatten alles im Griff - also zumindest auf dem Papier", murmelte Tolima-Coach Enrique Makukula (der gleichzeitig Linksverteidiger und Kapitän war) später mit einem müden Lächeln. Dann kam die 60. Minute - und mit ihr Bruno Ronaldo. Der 34-jährige Routinier, der aussieht, als hätte er schon in den 90ern seine ersten Profiminuten gesammelt, zimmerte den Ball nach Vorarbeit von Jamie Prentiss in den Winkel. Ein Treffer, der das Stadion kurzzeitig erzittern ließ. "Ich dachte, das Netz bricht", lachte Prentiss später, "aber dann fiel mir ein, dass wir in Kolumbien spielen - hier ist alles stabiler als unsere Defensive." Doch die Freude hielt nur fünf Minuten. Bucaramanga antwortete, wie es nur ein Team tun kann, das 17 Torschüsse in einem Spiel abfeuert: mit Präzision. Paulo Cunha, der 20-jährige Wirbelwind auf der linken Seite, legte quer, und Emilio Nani vollendete eiskalt zum 1:1. "Paulo hat so viel Energie, ich musste einfach nur den Fuß hinhalten", grinste Nani. Von da an spielte nur noch Bucaramanga. Während Tolima defensiv auf "ausgewogen" eingestellt blieb - was in etwa so effektiv war wie ein Regenschirm bei Sturm - marschierte Ancelottis Truppe mit offensivem Furor nach vorn. Mascarenhas, seit Spielbeginn Dauergast im Strafraum, belohnte sich in der 83. Minute endlich selbst: Wieder kam der Ball von Paulo Cunha, wieder schlug es ein - 1:2. Der Jubel der Gäste war ohrenbetäubend. Auf der Bank klatschte Ancelotti seinen Spielern zu, als wäre das alles selbstverständlich. "Wir haben von Anfang an offensiv gedacht", erklärte er nach dem Spiel. "Manchmal hilft es, wenn man mehr aufs Tor schießt als der Gegner - 17 zu 5, das ist Mathematik, keine Taktik." Tolima versuchte in den Schlussminuten, wenigstens einen Punkt zu retten. Holger Dahlin prüfte noch einmal Bucaramangas Keeper Finlay Linney (70.), aber der reagierte glänzend. Danach passierte nicht mehr viel, außer einer etwas übermotivierten Grätsche von Makukula in der 73. Minute, die ihm Gelb einbrachte. "Ich wollte nur zeigen, dass wir noch leben", sagte er trocken. Statistisch gesehen war es ein Spiel auf Augenhöhe - zumindest beim Ballbesitz (49 zu 51 Prozent). Doch wer die Zweikämpfe sah (43 zu 56 Prozent zugunsten Bucaramangas), wusste: Die Gäste wollten den Sieg einfach mehr. "Tolima hat uns den Ball überlassen, und wir haben ihn behalten", fasste Mascarenhas süffisant zusammen. Im Stadion senkte sich nach Abpfiff eine eigenartige Mischung aus Stolz und Frust über die Ränge. Die Fans applaudierten ihrem Team für den Einsatz, auch wenn die Enttäuschung greifbar war. "So ist Fußball", sagte ein älterer Herr mit Bier in der Hand. "Manchmal schießt du ein Tor, manchmal dir selbst ins Herz." Papa Ancelotti hingegen schritt zufrieden Richtung Kabine, den Kragen hochgestellt, die Hände tief in den Taschen. Ein Reporter rief ihm hinterher, ob er an den Titel glaube. "Ich glaube an Espresso und an meine Jungs", antwortete er. "Beides hält mich wach." Tolima wird diese Niederlage verdauen müssen - auch wenn sie bitter schmeckt. Ein Spiel, das mit Euphorie begann und mit Ernüchterung endete, hat gezeigt, dass Fußball manchmal weniger von Taktik als von Timing lebt. Und Bucaramanga? Die reisen mit drei Punkten im Gepäck und vermutlich einem neuen Lieblingsduo: Paulo Cunha und Rui Mascarenhas - jung, flink, unverschämt effizient. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Wer 17-mal aufs Tor schießt, darf auch zweimal treffen. Und wer sich "offensiv" nennt, sollte so spielen wie Bucaramanga - nicht wie Tolima, das in der zweiten Halbzeit mehr stand als spielte. Aber vielleicht ist das ja der Charme dieser Liga: Hier kann jeder gewinnen, außer der, der denkt, ein 1:0 reiche für den Feierabend. 29.03.643987 13:38 |
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