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Ein Fußballspiel kann manchmal wie ein Roman sein: lang, spannungsgeladen, mit einem späten Höhepunkt und einem Helden, der eigentlich schon gar nicht mehr an sich glaubt. So geschehen am 16. Spieltag der brasilianischen 1. Liga, als Capibaribe Recife vor 50.085 Zuschauern im heimischen Estádio dos Sonhos den tapferen Gästen von UD America mit 1:0 besiegte - dank eines Tores in der Nachspielzeit von Tiago Oliveira. Es war eines jener Spiele, in denen der Ballbesitz (52 zu 48 Prozent) und die Statistik (17 zu 3 Torschüsse) schon früh alles sagten - nur eben nichts über den Spielstand. Recife rannte, kombinierte, flankte, schoss - aber das Tor blieb wie verhext. UD America dagegen verteidigte mit der stoischen Ruhe eines Schachspielers, der weiß, dass seine Uhr langsamer läuft. Schon in der fünften Minute prüfte Yannik Boyer Amerikas Torwart Leonardo Civita mit einem satten Schuss - ein Vorgeschmack auf das, was folgen sollte. "Ich dachte, der Ball hat schon Netzberührung", grinste Boyer später, "aber Civita hat wohl Spiderman-Gene." In der Folge reihten sich Chancen wie Perlen aneinander. Alexander Lockwood (18.) und Ivan Delgado (19., 32., 34., 36.) sorgten für Dauerbeschuss, während Recifes Coach Opa Jokel an der Seitenlinie immer unruhiger wurde. "Ich hab’ irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft wir draufgehalten haben", seufzte er nach dem Spiel. "Ich dachte, der Ball ist eckig heute." UD Americas Trainer Max Struse dagegen blieb cool. Seine Mannschaft hatte früh Pech, als Luis Ziganda schon in der ersten Minute Gelb sah - ein Statement, dass heute kein Zentimeter kampflos hergegeben werden würde. Und tatsächlich: Die Gäste hielten dicht. Andrew Lewis (27.) und Sergio Menendez (41.) wagten sich sogar einmal nach vorn, doch Recifes Keeper Eri Sander hatte einen ruhigen Abend. Nach dem Seitenwechsel änderte sich das Bild nur wenig. Recife blieb offensiv, America blieb defensiv - ein klassisches Duell von Geduld gegen Beton. Fabio Barros (46.) und der nimmermüde Delgado (67., 78.) versuchten es weiter, doch das Tor schien wie vernagelt. In der 73. Minute dann der erste gefährliche Schuss der Gäste im zweiten Durchgang - Bünyamin Akin aus der Distanz. "Ich hab’s einfach mal probiert", sagte er später. "Wenn man dreimal nicht über die Mittellinie kommt, muss man wenigstens einen Gruß schicken." Dann kam Minute 91, jene magische, in der Fußballgeschichten geschrieben werden. Bram Dorland, der Motor im Mittelfeld, spielte einen dieser Pässe, die sich ihre eigene Flugbahn suchen. Tiago Oliveira nahm den Ball mit der Brust, drehte sich um seinen Gegenspieler, und plötzlich zappelte das Netz. 1:0! Das Stadion bebte, die Fans sprangen, und auch Trainer Jokel war nicht mehr zu halten. "Ich wollte eigentlich cool bleiben", sagte er später lachend, "aber meine Knie hatten andere Pläne." UD Americas Spieler sanken zu Boden - nicht, weil sie schlecht gespielt hätten, sondern weil sie alles gegeben hatten. "Wir haben 90 Minuten lang das 0:0 verteidigt", meinte Struse nach dem Abpfiff. "Nur leider dauert ein Spiel manchmal 91." Statistisch betrachtet war es ein klarer Sieg: 17 zu 3 Torschüsse, 56 Prozent gewonnene Zweikämpfe, 52 Prozent Ballbesitz. Aber Fußball ist kein Rechenexempel, sondern ein Geduldsspiel mit Adrenalinschüben. Und am Ende hatte Capibaribe Recife den längeren Atem - oder den glücklicheren Fuß. Marco Morte, der rechte Verteidiger, fasste es mit einem Augenzwinkern zusammen: "Wir wollten zeigen, dass wir bis zur letzten Minute dran glauben. Tiago hat’s wörtlich genommen." So ging ein Abend zu Ende, der wohl in Recife noch lange erzählt werden wird - als jener Tag, an dem Geduld, Glaube und ein einziger Pass von Dorland das Schicksal entschieden. Für UD America bleibt die Erkenntnis, dass man 90 Minuten überstehen kann, aber nie den 91. vergessen darf. Und während die Lichter im Stadion langsam ausgingen, summten die Fans noch leise auf den Rängen - nicht vor einer Hymne, sondern einfach vor Erleichterung. Denn manchmal ist ein spätes 1:0 schöner als jedes 4:0. 11.07.643987 15:55 |
Sprücheklopfer
Die Sanitäter haben mir sofort eine Invasion gelegt.
Fritz Walter Junior