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Wer am Mittwochabend ins Stadion von Thessaloniki gekommen war, bekam für sein Eintrittsgeld mehr geboten als in mancher Netflix-Serie: neun Tore, zwei völlig entfesselte Offensivreihen und einen Heimsieg, der in die Kategorie "nicht ganz unverdient, aber auch nicht ganz erklärbar" fällt. Am Ende hieß es 5:4 (2:2) für die Gastgeber - ein Ergebnis, das so wild klingt, wie das Spiel tatsächlich war. Schon die ersten Minuten deuteten an, dass beide Teams auf Verteidigen heute keine große Lust hatten. Nach 16 Minuten traf Stefanos Amanatidis nach feiner Vorarbeit von Routinier Jose Maria Simao zum 1:0 für Thessaloniki. Keine sechzig Sekunden später antwortete Olympiokos über den 17-jährigen Wirbelwind Marko Arnautovic, der nach Pass von Adam Triantafyllou eiskalt vollendete. "Ich dachte gar nicht nach - ich hab einfach draufgehauen", grinste der Teenager später. Die Zuschauer - 39.025 laut offizieller Zählung, gefühlt doppelt so viele aufgrund des Lärmpegels - hatten kaum Zeit zum Durchatmen. Thessalonikis Angel Di Maria (nein, nicht der argentinische Superstar, sondern sein griechischer Namensvetter) brachte die Gastgeber in der 32. Minute wieder in Führung. Doch kurz vor der Pause versetzte Karolos Labropoulos den Heimfans einen Dämpfer. Nach einer butterweichen Flanke von Tasos Xanthopoulos köpfte er zum 2:2 ein. "Ich habe in der Kabine gesagt: Jungs, das ist kein Basketballspiel", erzählte Trainer Johnas Heun nach der Partie mit einem süffisanten Lächeln. "Hat aber offenbar keiner zugehört." Denn nach der Pause ging es genau so weiter. Simao, der 34-jährige Dauerläufer im linken Mittelfeld, traf in der 47. Minute selbst - als hätte er beweisen wollen, dass er nicht nur Assists kann. Dann begann die Show des Dänen Hemming Kofod, der mit 33 Jahren plötzlich beschloss, das Spiel an sich zu reißen. Erst traf er in der 55. Minute nach Vorarbeit von Efthymios Panagoulias, dann legte er in der 59. gleich noch einen nach - diesmal nach Kombination über Simao. Dazwischen hatte Olympiokos durch Philippos Xanthopoulos noch auf 4:3 verkürzt, ehe es Kofod noch einmal krachen ließ. "Ich weiß gar nicht, wann ich zuletzt doppelt getroffen habe - vielleicht in der Jugend, als die Tore noch kleiner waren", witzelte Kofod nach dem Spiel, während er den Spielball festhielt. Olympiokos steckte nie auf, warf in der Schlussphase alles nach vorn und wurde durch Labropoulos’ zweiten Treffer in der 66. Minute noch einmal belohnt. Doch alle Schlussoffensiven verpufften - zu ungenau, zu hektisch, zu durchsichtig. Trainer Dirk Reichmann schimpfte nach Abpfiff: "Wir haben heute defensiv gespielt wie eine offene Tür im Sturm. Und wenn du fünf Dinger kassierst, kannst du nicht viel erwarten." Statistisch gesehen war die Partie fast ausgeglichen - Thessaloniki mit leichtem Ballbesitzvorteil (52,6 Prozent) und 16 Torschüssen gegenüber 9 der Gäste. Doch diese nüchternen Zahlen spiegeln kaum wider, was auf dem Feld los war. Beide Teams agierten offensiv, riskant, ja fast schon anarchisch. Wenn beide Spielführer sich nach 70 Minuten an der Mittellinie ansahen und kopfschüttelnd lachten, wusste man: Die Taktiktafeln hatten längst Feierabend. Besonders auffällig: die jugendliche Frische bei Olympiokos. Arnautovic (17) und Triantafyllou (18) wirbelten in der Offensive, als gäbe es kein Morgen. "Wir haben’s versucht, aber jeder ihrer Angriffe war gefährlich", sagte Thessalonikis Torwart Athinagoras Georgiadis, der trotz vier Gegentoren ein paar Glanzparaden zeigte. Ein kleines Schmankerl am Rande: Nach dem 5:4 in der 59. Minute forderte ein Zuschauer lautstark: "Jetzt reicht’s, schießt keine mehr!" - ein Wunsch, dem beide Teams dann tatsächlich entsprachen. Vielleicht aus Erschöpfung, vielleicht aus Einsehen, dass man ja irgendwann auch mal Schluss machen muss. Am Ende blieb ein verrücktes, intensives, unterhaltsames Spiel, das jedem Statistikfreund den Taschenrechner zerschmolz. Thessaloniki klettert mit diesem Sieg weiter nach oben, während Olympiokos sich fragen muss, wie man vier Auswärtstore erzielen und trotzdem mit leeren Händen dastehen kann. Oder, wie Trainer Heun es trocken zusammenfasste: "Das war kein Spiel für schwache Nerven - aber für starke Herzen." Und davon hatte Thessaloniki an diesem Abend einfach ein paar mehr. 25.10.643990 23:43 |
Sprücheklopfer
In den ersten Minuten konnte man exakt sehen, was wir vorhatten.
Peter Neururer nach einer 1:4 Niederlage