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Ein lauer Märzabend, 43.500 Zuschauer im Estadio Municipal, der zweite Spieltag der 1. Liga Paraguay - und CF Taquari empfängt CF Libertad. Auf dem Papier ein Duell auf Augenhöhe, auf dem Rasen zunächst eine ziemlich einseitige Angelegenheit. Taquari-Trainer Tim Thaler hatte seine Jungs auf "Offensive, aber mit Stil" eingestellt, wie er später mit einem verschmitzten Lächeln sagte. Und tatsächlich: Schon in der achten Minute klingelte es. Alessio Visintin, der linke Wirbelwind in Taquaris Angriff, zog nach einem feinen Steckpass von George Dennehy von links in den Strafraum, sah den Torhüter und dachte offenbar: "Warum lange fackeln?" Ein trockener Schuss, 1:0. Während die Heimfans jubelten, deutete Libertad-Keeper Szymon Lesniak mit den Händen an, dass die Sonne ihn geblendet habe - um 20 Uhr abends, wohlgemerkt. Der frühe Rückstand schien Libertad zu lähmen. Ihre "balancierte" Taktik wirkte eher wie eine Einladung zum Mittagsschläfchen. Taquari hingegen spielte weiter wie entfesselt. In der 20. Minute machte Attila Detari das, was Mittelstürmer tun sollen: Tore schießen. Nach einem präzisen Zuspiel von Timofej Boldin grätschte er den Ball über die Linie. 2:0 - eine halbe Stunde gespielt und das Stadion bebte. Visintin riss die Arme hoch, Boldin jubelte wie ein Rockgitarrist, und Trainer Thaler brüllte seinen Spielern zu: "Jetzt nicht nachlassen!" - was, wie man weiß, ein fast schon magischer Satz ist, der jedes Team sofort dazu bringt, nachzulassen. Libertad, das bis dahin mehr Ballbesitz (am Ende 52 Prozent) als Ideen hatte, kam erst in der zweiten Hälfte aus der Deckung. Vielleicht hatte Trainer Esteban Marco in der Kabine das Wort "Tor" erwähnt. Jedenfalls dauerte es keine Minute nach Wiederanpfiff, bis Isidoro Roi den Anschlusstreffer erzielte. Nach feiner Vorarbeit von Diego Capucho zog Roi aus 16 Metern ab, der Ball schlug unhaltbar für Torwart Alf Abramson ein - 2:1. "Wir wussten, dass wir besser spielen können", sagte Roi später mit dem stoischen Gesichtsausdruck eines Mannes, der offenbar schon zu viele 2:1-Niederlagen erlebt hat. Tatsächlich war der Treffer ein Weckruf für Libertad. Doch Taquari hielt dagegen - auch wenn sich die Partie fortan eher in der Kategorie "Zweikampf-Drama" einordnen ließ. Luis Mudarra, Taquaris Innenverteidiger und Mann für das Grobe, sah in der 14. Minute Gelb und in der 61. die gelb-rote Karte - ein Klassiker unter den Verteidigersünden. "Ich habe den Ball gespielt", beteuerte Mudarra nach dem Spiel, während seine Mitspieler ihn auf dem Weg in die Kabine mit spöttischem Applaus verabschiedeten. Mit einem Mann weniger begann für Taquari das große Zittern. Doch Libertad konnte seine Überzahl kaum nutzen. Vier Torschüsse über 90 Minuten, das ist in etwa so viel Offensivdrang wie ein Sonntagsspaziergang. Roi versuchte es noch zweimal (79., 88.), aber Abramson war auf dem Posten. Thaler reagierte klug auf die Unterzahl: In der 45. Minute hatte er ohnehin schon dreifach gewechselt - neue Außenverteidiger, frische Flügel. "Ich wollte dem Spiel etwas Würze geben", sagte er - was in Wahrheit hieß: Er wollte seine Abwehr stabilisieren, bevor sie auseinanderfiel. Taquari rettete das 2:1 über die Zeit, mit langen Bällen, viel Einsatz (die Zweikampfquote von 55 Prozent spricht Bände) und einer gehörigen Portion Glück. Als der Schlusspfiff ertönte, fiel Thaler seinem Torwart in die Arme. "So schön kann Fußball sein, wenn man ihn gewinnt", grinste er. Libertads Trainer hingegen stapfte mit düsterer Miene vom Platz. "Wir haben zu spät angefangen, Fußball zu spielen", murmelte er. Ein Reporter fragte, ob er die Taktik ändern wolle. "Nein", antwortete er trocken, "aber vielleicht die Uhrzeit." Unterm Strich bleibt ein verdienter Sieg für CF Taquari, der nach einer dominanten ersten Halbzeit und trotz Unterzahl in Hälfte zwei den Sieg festhielt. 13 Torschüsse, zwei Tore, ein Platzverweis - das ist das Stoffmuster eines Abends, über den man in Taquari noch ein paar Tage schmunzeln wird. Oder, wie Visintin beim Verlassen des Stadions meinte: "Wenn wir so weitermachen, brauchen wir bald ein größeres Stadion." Ironisch, klar - aber wer weiß? Fußballgeschichten beginnen oft genau so. 23.11.643993 00:40 |
Sprücheklopfer
In der Schule gab's für mich Höhen und Tiefen. Die Höhen waren der Fußball.
Thomas Häßler