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Ein Tor, zwanzig Torschüsse, 30 242 frierende, aber glückliche Grazer - das war der Freitagabend im Liebenauer Stadion. Der SV Graz besiegt den SC Ried am 16. Spieltag der 1. Liga Österreich mit 1:0 (0:0) und setzt damit ein kleines, aber kräftiges Lebenszeichen im Kampf um die oberen Tabellenränge. Es begann, wie es in Graz oft beginnt: mit viel Ballbesitz, schönen Ansätzen - und keiner Effizienz. Joshua Meier prüfte schon in der 5. Minute Rieds Keeper Marc Lemke, der sich mit einer Flugparade für den "Sportschau"-Vorspann bewarb. "Ich dachte kurz, der Ball sei schon drin", grinste Meier später. Er sollte an diesem Abend noch öfter denken, aber nie jubeln. Ried dagegen versuchte es mit kontrollierten Kontern. Antonio Costinha schoss bereits in der ersten Minute, doch SV-Schlussmann Michel Bergen klärte souverän. In der 17. Minute zischte ein Schuss von Jose Maria Djalo knapp am Pfosten vorbei - und Trainer Hansi Flick rief seinem Team zu: "So, und jetzt bitte auch mal ins Tor!" Ein Satz, der in dieser Partie nicht mehr wahr werden sollte. Graz dominierte, Ried verteidigte. Zwischen der 20. und 45. Minute schien es, als hielte Lemke eine persönliche Trainingseinheit ab - gegen Meier, Hesse, Besserer und sogar Innenverteidiger Petrescu. Letzterer, sonst eher im eigenen Strafraum zuhause, feuerte in der 36. Minute einen Distanzschuss ab, der knapp drüberging. "Wenn der reingeht, nennen sie mich ab morgen ’Danutinho’", witzelte der Rumäne nach dem Spiel. Nach torloser erster Halbzeit blieb das Bild gleich: Graz hatte den Ball, Ried die Nerven. Dann die Schlüsselszene in der 69. Minute: Danut Petrescu sieht Gelb nach einem rustikalen Einsteigen - "klassische Innenverteidigerfarbe", kommentierte er trocken. Kurz darauf folgte auch Jan Riedel mit Gelb (79.), und die Stimmung wurde hitziger. Und dann kam die 78. Minute: Ein weiter Ball von Petrescu, halb Befreiungsschlag, halb Geistesblitz. Rieds Abwehr pennt, Eugenius Putnam startet durch, nimmt den Ball elegant mit der Brust und knallt ihn mit 21 Jahren Unbekümmertheit ins rechte Eck - 1:0! Das Stadion explodierte, und selbst Trainer Matt Steu riss die Arme hoch, bevor er sich wieder in seine stoische Pose zwang. "Ich wollte ruhig bleiben, aber dann hab ich doch kurz den Vulkan rausgelassen", gab er später zu. Ried warf in der Schlussphase alles nach vorn. Daniel Costa versuchte es zweimal (75. und 85.), doch Bergen hielt, als wolle er sich für die Torwartschule bewerben. In der 88. Minute sah Rieds Anthony Nelis noch Gelb - sinnbildlich für einen Abend, an dem die Gäste zwar kämpften, aber nie wirklich gefährlich wurden. Statistisch war’s ein klarer Fall: 20 Torschüsse für Graz, nur 7 für Ried. Ballbesitz: 51,5 zu 48,5 Prozent. Tacklingquote? 55 Prozent für die Hausherren. Alles Zahlen, die das Auge des Statistikfreunds erfreuen - und die Geduld des neutralen Zuschauers strapazierten. Aber Fußball wird bekanntlich nicht nach Schönheitspunkten entschieden, sondern nach Toren. "Ein Arbeitssieg", nannte es Steu. "Ein Ärgernis", meinte Flick, der sich über die fehlende Durchschlagskraft seiner Offensive beklagte: "Wir hätten noch zwei Stunden spielen können - das Tor hätten wir trotzdem nicht getroffen." Putnam hingegen genoss sein Rampenlicht: "Ich hab einfach draufgehalten. Wenn du zu viel denkst, ist der Ball schon wieder weg." Der Youngster wurde von den Fans gefeiert, als wäre er ein gebürtiger Steirer, und genoss die Ovationen mit einem breiten Grinsen. So endet ein kalter Januartag mit einem heißen Moment - und einem SV Graz, der sich für 90 Minuten an die Sonne der Tabelle heranrobbt. Ein verdienter Sieg, wenn auch kein großer Fußballabend. Aber wie sagte Trainer Steu beim Verlassen der Pressekonferenz: "Manchmal ist 1:0 schöner als 5:4 - jedenfalls für mein Herz." Und die Fans? Die sangen sich in die Nacht hinein. Vielleicht nicht schön, aber laut. Ein bisschen wie ihr Team. 12.07.643987 00:15 |
Sprücheklopfer
Hass gehört nicht ins Stadion. Solche Gefühle soll man gemeinsam mit seiner Frau daheim im Wohnzimmer ausleben.
Berti Vogts