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Es war ein Spiel, das alles hatte, was man zum Saisonstart nicht braucht, aber trotzdem liebt: nervöse Beine, fliegende Grätschen, ein Platzverweis und ein einziger Treffer, der 40.000 Zuschauer gleichzeitig erlösen und elektrisieren sollte. Der SV Waidhofen besiegte am 1. Spieltag der 1. Liga Österreich den favorisierten SK Sturm Graz mit 1:0 - dank Joshua Carsley, der in der 52. Minute das Tor des Abends erzielte. Schon vor dem Anpfiff um 20:30 Uhr lag eine Mischung aus Aufbruch und Anspannung über dem Stadion. Trainerin Brigitte Temmel hatte ihre Elf offensiv eingestellt, mit Arrieta und Beyince auf den Flügeln und Carsley als wieselflinkem Rechtsaußen. "Wir wollten zeigen, dass Waidhofen keine Durchgangsstation ist", sagte Temmel später mit einem Grinsen, das irgendwo zwischen Stolz und Erstaunen lag. Die erste Halbzeit war ein Lehrstück in verpassten Gelegenheiten. Beide Teams kamen auf jeweils neun Torschüsse, aber keiner fand den Weg ins Netz. Waidhofens Mittelfeldmotor Sebastian Ludwig prüfte in der 9. Minute den Grazer Keeper Nevio Zimmermann, der den Ball so spektakulär faustete, als wolle er gleich ein Bewerbungsvideo für die nächste Torwartschule drehen. Auf der anderen Seite vergab Luka Merkel in der 22. Minute freistehend - und sah dabei so überrascht aus, als hätte ihm jemand den Ball in letzter Sekunde aus dem Schuh gezaubert. Der Halbzeitpfiff kam wie eine Erlösung für beide Seiten. Sturm Graz-Coach Peter Mate, dessen Team mit einer defensiven, flügelorientierten Ausrichtung angetreten war, schien mit dem 0:0 zufrieden. "Wir wollten in Ruhe bleiben, aber Ruhe ist in diesem Stadion relativ", knurrte er später. Dann kam die 52. Minute, und Waidhofen explodierte. Gerard Beyince, bis dahin unauffällig, zog auf links an, sah Carsley startend und passte mit chirurgischer Präzision. Carsley nahm den Ball direkt - und schob ihn eiskalt ins lange Eck. Ein Tor aus dem Lehrbuch, und das Stadion bebte. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste der 30-Jährige später. "Und gehofft, dass keiner merkt, dass ich eigentlich mit dem schwachen Fuß geschossen hab." Doch die Euphorie bekam einen Dämpfer. Nur fünf Minuten nach dem Führungstreffer sah Rechtsverteidiger Nael Sousa nach wiederholtem Foulspiel Gelb-Rot. "Er hat den Ball gespielt", behauptete Sousa im Vorbeigehen, worauf Trainerin Temmel trocken entgegnete: "Ja, aber leider erst nach dem Gegner." Mit einem Mann weniger zog sich Waidhofen zurück, verteidigte mit allem, was Beine hatte - und manchmal auch mit dem, was keine mehr hatte. Graz drückte, kam über Bartsch und Merkel zu Chancen, aber Rui Costinha im Tor der Hausherren hatte einen dieser Abende, an denen man ihn wohl auch mit zwei Bällen gleichzeitig nicht hätte bezwingen können. In der 64. Minute hielt er einen gefährlichen Schuss von Jacob Schrader, in der 78. parierte er erneut gegen Merkel. Als dann in der 86. Minute Arrieta noch einmal auf der Gegenseite fast das 2:0 erzielte, sah man sogar Trainerin Temmel kurz lächeln - was laut Vereinschronik zuletzt 2023 passiert sein soll. Die Schlussphase war ein einziger kollektiver Adrenalinschub. Sturm Graz warf alles nach vorne, wechselte sogar den Torwart - Hecht kam für Zimmermann -, aber selbst das brachte keine Wende. Die Grazer fingen sich zwei späte Gelbe Karten ein, während Waidhofen mit jedem Ballgewinn einen neuen Meter Geschichte schrieb. Als Schiedsrichter Langer nach 94 Minuten abpfiff, fiel Carsley auf die Knie, Costinha umarmte ihn, und irgendwo auf der Tribüne weinte ein Kind - angeblich vor Glück, weil es zum ersten Mal ein Spiel ohne Gegentor gesehen hatte. "Ich weiß gar nicht, ob ich stolz oder einfach nur erschöpft bin", sagte Temmel in der Pressekonferenz. "Vielleicht beides. Aber eins ist klar: Wenn wir weiter so kämpfen, werden die großen Namen uns bald ernst nehmen müssen." Sturm-Coach Mate hingegen suchte Trost in der Statistik. "Wir hatten mehr Ballbesitz", meinte er. "Aber Ballbesitz gewinnt keine Spiele. Tore schon. Leider." So startet der SV Waidhofen mit drei Punkten in die neue Saison - mit Mut, Leidenschaft und einem Schuss Chaos. Und wer weiß: Vielleicht war dieser Abend mehr als nur ein Auftakt. Vielleicht war er der Beginn einer kleinen, charmant unbequemen Fußballmärchenstunde in der 1. Liga Österreich. Oder, um es mit den Worten eines Zuschauers zu sagen, der beim Hinausgehen hörbar erleichtert war: "Wenn das so weitergeht, kauf ich mir gleich ein Abo." 11.11.643993 12:22 |
Sprücheklopfer
Sicherlich haben wir im Moment einen kleinen Lauf, aber Lauf heißt ja bekanntlich Lauf, weil's von laufen kommt.
Matthias Sammer