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Das Derby von Graz versprach Emotionen, Leidenschaft und eine Portion Chaos - und hielt Wort. Vor 32.049 Zuschauern im prall gefüllten Stadion verwandelte der SV Graz die Begegnung gegen den favorisierten SK Sturm in ein Torfestival: 6:2 (3:2) hieß es am Ende, ein Ergebnis, das selbst die euphorischsten Heimfans zweimal auf die Anzeigetafel schauen ließ. Dabei hatte alles so gar nicht nach einem Heimrausch ausgesehen. In der 18. Minute überraschte Karl Geiger, eigentlich rechter Verteidiger der Sturmer, mit einem beherzten Vorstoß und traf nach Vorarbeit von Tom Maurer zum 0:1. Trainer Peter Mate sprang jubelnd auf, als hätte er gerade den Meistertitel gewonnen. "Das war genau das, was wir wollten - früh Druck machen", erklärte er später, noch bevor er ahnte, dass dieser Satz bitter ironisch klingen würde. Denn nur vier Minuten später schlug Joshua Meier zurück. Der linke Wirbelwind des SV Graz verwertete einen klugen Pass von Ralf Hesse zum 1:1. "Ich hab einfach draufgehalten, der Ball wollte rein - manchmal ist Fußball so einfach", grinste Meier nach Spielschluss. Doch Sturm konterte prompt: Christopher Bartsch stellte in der 24. Minute auf 1:2, die Partie nahm Fahrt auf wie ein verspäteter Regionalzug Richtung Liezen. Nur vier Minuten später köpfte Innenverteidiger Dirk Maus nach einer Bourgeois-Flanke zum 2:2 ein - und das Stadion vibrierte. Als Meier in der 37. Minute erneut zuschlug, diesmal nach einem Pass von Elias Bourgeois, kippte die Stimmung endgültig. 3:2 zur Pause, und die SV-Fans sangen bereits von der "Rache der kleinen Schwester". Die zweite Halbzeit begann, wie die erste endete: mit einem SV-Tor. Ralf Hesse drosch den Ball in der 47. Minute nach Zuspiel von Julius Fritsch in die Maschen - 4:2. Trainer Matt Steu klatschte mit seinem gesamten Betreuerstab ab, während Mate an der Seitenlinie blass wurde. Ab der 67. Minute wurde es dann düster für Sturm. Karl Geiger, der Torschütze zum 0:1, sah nach wiederholtem Foulspiel Gelb-Rot. "Ich hab den Ball gespielt - oder zumindest fast", verteidigte er sich später mit einem gequälten Lächeln. Trainer Mate fasste es nüchtern zusammen: "Da war dann einfach die Luft raus." Und das nutzte SV Graz gnadenlos. In der 62. Minute - noch vor Geigers Platzverweis - hatte Meier seinen dritten Streich gesetzt, diesmal nach Vorarbeit von Hanns Heuer. Ein lupenreiner Hattrick über beide Halbzeiten hinweg, und das in einem Derby. "Ich hab nur gemacht, was der Trainer mir gesagt hat: Laufen, schießen, jubeln", sagte Meier und grinste so breit wie das Murfeld. Den Schlusspunkt setzte Julius Fritsch in der 84. Minute, als er nach Vorlage von Dirk Maus den Ball eiskalt zum 6:2 einschob. Das Publikum tobte, die Ersatzbank des SV Graz tanzte Polka, und selbst Trainer Steu konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen: "Ich wollte eigentlich defensiv stabil stehen. Aber wenn’s so läuft, beschwere ich mich nicht." Statistisch war der Sieg so deutlich, wie das Ergebnis vermuten lässt: 19 zu 11 Torschüsse, 56 Prozent Ballbesitz, eine Zweikampfquote knapp über 52 Prozent für den SV Graz. Sturm wirkte phasenweise überfordert, besonders nach dem Platzverweis. Nur die Fans der Schwarz-Weißen hielten durch - mit einer Mischung aus Trotz und Galgenhumor. Nach Abpfiff führte Stadionsprecher die "Man of the Match"-Wahl durch. Keine Überraschung: Joshua Meier erhielt fast alle Stimmen. "Ich hätte ihm auch eine gegeben - wenn ich nicht Trainer wäre", scherzte Steu. Peter Mate hingegen wirkte ratlos. "Wir wollten offensiv sein, aber irgendwann war niemand mehr hinten. Vielleicht hätten wir nach dem 2:3 einfach mal auf Pause drücken sollen." So endete das Grazer Stadtduell mit einem klaren Statement: Der SV Graz ist nicht mehr der kleine Nachbar, der artig den Ball zurückspielt. An diesem Abend spielte er ihn ins Tor - gleich sechsmal. Und während die Fans noch feierten, murmelte ein älterer Herr auf der Tribüne: "So schön war’s in Graz schon lang nimmer." Ein Satz, der nach diesem 6:2 wohl noch eine Weile nachhallen wird - zumindest bis zum nächsten Derby, wenn Sturm beweisen will, dass auch ein Gewitter über der Mur mal umschlagen kann. 19.09.643987 05:23 |
Sprücheklopfer
Wir müssen vor dem Tor einfach cooler sein, einfach heißer.
Thomas Doll