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Es war einer dieser Abende, an denen Fußball einmal mehr bewies, dass Statistik nicht alles ist. Surrey City gewann am 3. Spieltag der 1. Liga Kanada mit 1:0 gegen die favorisierten Toronto Reds - und das, obwohl die Gäste fast alles taten, um als Sieger vom Platz zu gehen. Fast alles, außer ins Tor zu treffen. 36.105 Zuschauer sahen im Surrey Stadium ein Spiel, das in Lehrbüchern künftig wohl unter der Rubrik "Effizienz schlägt Ästhetik" auftauchen könnte. Denn während die Reds 19 Torschüsse abfeuerten, traf Surrey City gerade einmal fünfmal auf den Kasten - einmal davon zählte. Und das reichte. Die erste Halbzeit verlief, höflich gesagt, zäh. Toronto kombinierte gefällig, Surrey verteidigte, und wer zu früh aufs Handy schaute, verpasste nichts. Laurent Jones prüfte den heimischen Keeper Didier Lansbury bereits in der 2. Minute, Duarte Teixeira zog kurz vor der Pause aus der Distanz ab - immer wieder flog der Ball irgendwo hin, nur nicht dorthin, wo es wehtat. "Wir haben das Tor einfach nicht getroffen - vielleicht war’s uns zu klein", knurrte Reds-Coach Kathinka Santoz später und schüttelte den Kopf. Kurz vor dem Pausenpfiff hatte Surreys Außenbahnspieler Jean Maxime noch für den einzigen Farbtupfer gesorgt - allerdings in Gelb. Nach einem rustikalen Einsteigen gegen Teixeira zückte der Schiedsrichter ohne Zögern die Karte. "Ich hab’ doch nur gebremst", protestierte Maxime halb lachend, halb verlegen. Nach dem Seitenwechsel änderte sich das Drehbuch schlagartig. 49. Minute, ein seltener Vorstoß der Hausherren: Der 19-jährige Edward Armstrong, bis dahin eher unauffällig, setzte sich über links durch, flankte scharf in den Strafraum - und Emanuel Bonde, Surreys flinker Rechtsaußen, hielt einfach mal den Fuß hin. 1:0. Es war die Art Tor, über die Trainer später sagen: "So haben wir’s genau einstudiert." Bonde grinste nach dem Spiel: "Ehrlich gesagt - ich wollte eigentlich flanken." Ab diesem Moment verwandelte sich das Spiel in eine einzige Belagerung. Toronto spielte, Surrey betete. Landry, Forsythe, Scholz - sie schossen aus allen Lagen, manchmal mit Gefühl, manchmal mit der Verzweiflung eines Mannes, der weiß, dass das Schicksal heute nicht auf seiner Seite ist. Und immer wieder dieser Didier Lansbury: Handschuhe, Ellbogen, Knie - alles, was der Keeper hatte, warf er in die Schussbahn. "Ich hatte irgendwann das Gefühl, der Ball zieht mich an", scherzte Lansbury später. Als dann in der 90. Minute Reds-Verteidiger Marcio Minambres nach einem übermotivierten Grätschen die Rote Karte sah, war das Drama komplett. Die Fans auf der Tribüne feierten das wie ein zweites Tor. "Das war’s dann wohl", raunte ein älterer Zuschauer, der schon lange vor dem Abpfiff sein Bier fest umklammert hielt. Er sollte recht behalten. Die Statistiken erzählten nach dem Spiel eine Geschichte, die kaum jemand glauben wollte: 51 Prozent Ballbesitz für Toronto, 19 Torschüsse, deutlich bessere Zweikampfquote. Surrey City dagegen: 48 Prozent Ballbesitz, fünf Schüsse, ein Tor, drei Punkte. Fußball kann grausam sein - oder wunderschön, je nachdem, wessen Trikot man trägt. Kathinka Santoz blieb nach dem Schlusspfiff erstaunlich ruhig: "Wir haben gut gespielt, aber Surrey hatte heute das Glück, das man manchmal braucht. Nächste Woche treffen wir wieder." Ihr Gegenüber, Surreys Trainer - der offenbar lieber anonym bleibt, aber mit breitem Grinsen durchs Stadion lief - kommentierte trocken: "Ich habe selten so schön verteidigen sehen. Vielleicht schreiben wir Geschichte - als das Team mit den wenigsten Schüssen und den meisten Punkten." In der Kabine wurde gefeiert, als hätte man die Meisterschaft gewonnen. Bonde bekam von den Mitspielern den Spitznamen "Eisfuß", Armstrong den Titel "Assist des Monats". "Ich wusste gar nicht, dass ich so flanken kann", meinte der junge Armstrong, als jemand ihm ein Mikro hinhielt. Toronto hingegen verschwand wortlos im Tunnel. Nur einer, Lucas Forsythe, murmelte: "Wir hätten bis Mitternacht spielen können - der Ball wäre trotzdem nicht reingegangen." Ein Abend, der zeigt, dass Fußball manchmal weniger ein Spiel der Zahlen, sondern eines der Launen ist. Surrey City wird diesen Sieg noch eine Weile genießen - und Toronto wird sich fragen, wie man so viel richtig und doch alles falsch machen kann. Oder, wie ein Zuschauer beim Verlassen des Stadions sagte: "Manchmal gewinnt eben nicht der Bessere, sondern der Glücklichere. Und Surrey war heute verdammt glücklich." 22.06.643990 09:26 |
Sprücheklopfer
Es ist wichtig, dass man neunzig Minuten mit voller Konzentration an das nächste Spiel denkt.
Lothar Matthäus