// Startseite
| Sverige Fotboll |
| +++ Sportzeitung für Schweden +++ |
|
|
|
Manchmal schreibt der Fußball Geschichten, die selbst ein Drehbuchautor als zu überzogen ablehnen würde. An diesem kühlen Märzabend in Degerfors jedenfalls erlebten 29.012 Zuschauer ein Spiel, das in seiner Dramaturgie zwischen Tragikomödie und Heldenepos schwankte. Am Ende hieß es 2:1 (0:0) für Degerfor FF gegen den FC Nauco - und das, obwohl die Gastgeber über 40 Minuten in Unterzahl spielten. Schon die erste Hälfte war ein Spiegelbild skandinavischer Geduld: viel Struktur, wenig Risiko, noch weniger Tore. Degerfor startete offensiv, wie Trainer René Linge es angekündigt hatte ("Wir wollten zeigen, dass Offensive keine Frage der Spielerzahl ist, sondern des Mutes"), traf aber nur Aluminium und die Nerven der eigenen Fans. Mattias Ohlson prüfte gleich in der 2. und 4. Minute Naucos Keeper Quinter Deblock - der Belgier hielt, als hinge sein Vertrag davon ab. FC Nauco wirkte kontrolliert, beinahe zu kontrolliert. Coach Mr. Hawk, mit seiner gewohnt kühlen Miene an der Seitenlinie, ließ seine Mannschaft über die Flügel anlaufen, doch Björn Dahlin und Kurt Fröhlich verzettelten sich wiederholt in kunstvollen, aber ineffektiven Dribblings. Die Torschussstatistik zur Pause - 8:5 für Degerfor - erzählte die Geschichte eines Spiels, das viel versprach und wenig hielt. Dann kam die 48. Minute - und ein Moment, der das Drehbuch umschrieb. Innenverteidiger Damiano Gallo, bereits verwarnt, grätschte, als wolle er den Ball und den Gegner gemeinsam nach Karlstad befördern. Gelb-Rot, Abmarsch, Tosender Applaus und Kopfschütteln wechselten sich auf den Rängen ab. "Ich wollte nur den Ball spielen", murmelte Gallo später, "aber der Ball wollte wohl nicht." Mit zehn Mann schien Degerfor geknackt - und tatsächlich nutzte Nauco die kurzzeitige Verwirrung. In der 64. Minute traf Josef Mattson nach feinem Zuspiel von Martin Pfeiffer zur 1:0-Führung. Es war ein Tor aus dem Lehrbuch: Pass in den Rückraum, flacher Abschluss, keine Chance für Keeper Hjalmar Karlsson. Mr. Hawk ballte kurz die Faust - für seine Verhältnisse ein ekstatischer Ausbruch. Doch wer dachte, das Spiel sei entschieden, kennt Degerfor nicht. Linge reagierte, brachte frische Beine: Anselm Taube kam, Valborg Norman sortierte das Mittelfeld neu. Und plötzlich war wieder Feuer drin. In der 78. Minute kombinierte sich Degerfor über Ohlson und Holmqvist durch die Nauco-Abwehr, Valter Sundström stand goldrichtig und schob zum 1:1 ein. "Ich hab’ einfach gehofft, dass der Ball mich findet - und er hat’s getan", grinste der Doppel-Torschütze später. Nur zwei Minuten später wiederholte sich das Schauspiel - fast deckungsgleich, nur dass diesmal Holmqvist die Vorlage lieferte. 2:1! Das Stadion bebte, Linge sprang wie ein Teenager an der Seitenlinie, während Mr. Hawk regungslos blieb, als meditiere er über die Sinnlosigkeit des Pressings. In der Schlussphase warfen die Gäste alles nach vorn, doch Degerfor kämpfte mit Herz, Schienbein und letzten Kräften. "Ab der 85. Minute war’s nur noch ein Überlebenskampf", gestand Kapitän Ohlson. Karlsson im Tor parierte noch einmal glänzend gegen Dahlin (84.), dann war Schluss. Statistisch sah das Ganze fast ausgeglichen aus: 49,7 Prozent Ballbesitz für Degerfor, 50,3 Prozent für Nauco - aber 16 Torschüsse der Gastgeber gegenüber nur 7 der Gäste zeigten, wer den Sieg mehr wollte. Selbst die Tacklingquote sprach mit 54 zu 46 Prozent für die Rot-Weißen. "Das war ein Sieg der Moral", bilanzierte Linge nach Abpfiff. "Und vielleicht auch ein Sieg der schwedischen Kälte - wir frieren nicht so schnell ein wie andere." Mr. Hawk verließ das Stadion ohne Kommentar, was wohl seine Art war, "Wir müssen das analysieren" zu sagen. Valter Sundström wurde später zum Spieler des Abends gewählt. Auf die Frage, ob er nach der Gelb-Roten Karte an den Sieg geglaubt habe, lachte er: "Nicht mal meine Mutter hätte darauf gewettet. Aber Fußball ist manchmal höflich genug, um sich nicht an Wahrscheinlichkeiten zu halten." So endete ein Spiel, das mit mehr Drama als Taktik glänzte - und in Degerfors wohl noch lange für feuchte Augen und heisere Kehlen sorgen wird. Für Nauco dagegen bleibt die Erkenntnis: Wer in Überzahl Angst hat, verliert auch gegen zehn Mann. Oder, wie ein älterer Fan beim Verlassen des Stadions seufzte: "Früher haben wir Schnaps gegen die Kälte gebraucht. Heute reicht Degerfor FF." 30.07.643993 09:31 |
Sprücheklopfer
Was meine Frisur betrifft, da bin ich Realist.
Rudi Völler