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Wer am Montagabend ins ausverkaufte Verler Stadion kam, bekam für sein Eintrittsgeld zwar viele Tore geboten - nur leider fast alle auf der falschen Seite. Der VfL Stuttgart zeigte dem SC Verl beim 25. Spieltag der 1. Liga, was Offensivfußball bedeutet, und gewann mit 7:1. Schon zur Pause stand es 5:0, und Trainer Big Bang wirkte auf der Bank entsprechend - nun ja - explosiv. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", murmelte ein älterer Fan auf der Haupttribüne in seine Bratwurst. Das Publikum hatte kaum Platz genommen, da klingelte es schon: In der 6. Minute setzte sich Ernesto Vaz auf links durch, flankte mustergültig, und Gleb Schalimow köpfte ein. Ein Muster, das sich bis zum Pausenpfiff mehrfach wiederholen sollte. Stuttgart spielte wie im Rausch - präzise, aggressiv, aber nie überhastet. Marcel Breze legte nach (13.), Miguel Nani erhöhte (20.), dann wieder Schalimow (27.) und noch einmal Nani (28.). Verl wirkte wie ein Boxer, der nach dem dritten Niederschlag weiter aufstehen muss, obwohl der Ringarzt längst winkt. "Wir wollten offensiv spielen", erklärte Verls Coach Big Bang nach dem Spiel mit einem Gesichtsausdruck zwischen Ironie und Resignation. "Aber offenbar dachten meine Jungs, ’offensiv’ heißt, dem Gegner Platz zu lassen." Die Statistik gibt ihm recht: Nur sechs Torschüsse für Verl, 20 für Stuttgart. Der Ballbesitz von 46 zu 54 Prozent täuscht - die entscheidenden Szenen gehörten eindeutig den Gästen. Nach dem Seitenwechsel schalteten die Schwaben einen Gang runter, aber nur kurz. In der 56. Minute traf Schalimow erneut, nach schöner Vorarbeit von Juanito Brito. Der russische Mittelstürmer war der unbestrittene Star des Abends - vier Tore, unermüdlich, eiskalt. "Ich wollte einfach Spaß haben", grinste er später in die Kameras, "und wenn’s Spaß macht, fällt der Ball halt öfter rein." Immerhin durften auch die Verler einmal jubeln: In der 63. Minute gelang dem jungen Volker Langer der Ehrentreffer. Nach Pass von Niklas Fritzsche zog der 19‑Jährige trocken ab - 1:6. Der Treffer wurde vom Publikum gefeiert, als hätte er das Spiel gedreht. "Ich hab nur draufgehalten", sagte Langer später bescheiden. "War auch mal schön, dass der Ball auf der richtigen Seite landet." Drei Minuten später beendete Schalimow alle Resthoffnungen und markierte mit seinem vierten Treffer des Abends den 7:1‑Endstand. Danach hätte der VfL wohl noch mehr Tore erzielen können, ließ es aber gnädig angehen. Trainer Venni Mislintat zeigte sich zufrieden: "Wir haben das durchgezogen, was wir uns vorgenommen hatten - Flügelspiel, hohe Intensität, kalte Füße vorm Tor. Nur die Gelben Karten hätte ich mir sparen können." In der Tat: Riccardo Ottonello (67.) und Eduardo Cabrero (75.) sahen Gelb - der einzige Schönheitsfehler in einem sonst perfekten Auftritt. Verl wechselte tapfer durch, brachte unter anderem Ersatzkeeper Maurice Engel für den glücklosen Owen Eliot, doch auch das änderte nichts mehr am Spielverlauf. Stuttgart kontrollierte Ball und Gegner nach Belieben, spielte Passfolgen, die wie aus einem Trainingsvideo wirkten. "Wir wurden heute vorgeführt", gestand Verls Lasse König ehrlich. "Aber wer weiß - vielleicht ist das genau die Lektion, die wir gebraucht haben." Sein Trainer nickte dazu nur trocken und fügte an: "Wenn man sieben fängt, kann man wenigstens nicht behaupten, es sei knapp gewesen." Die 51.712 Zuschauer gingen mit gemischten Gefühlen nach Hause - zwischen Bewunderung für den glänzenden VfL‑Auftritt und Mitleid mit den jungen Verlern, die an diesem Abend schlicht überfordert waren. Am Ende blieb die Erkenntnis: Stuttgart ist in dieser Form ein Titelkandidat, Verl hingegen sollte die Defensive neu erfinden - oder wenigstens ein Wörterbuch, in dem "offensiv" nicht automatisch "offen wie ein Scheunentor" bedeutet. Ein Trost bleibt: Wer 7:1 verliert, kann beim nächsten Mal nur gewinnen. Oder wenigstens weniger verlieren. 16.11.643987 01:42 |
Sprücheklopfer
Wir treten nicht an um ein Tor zu schießen, wir wollen das Spiel gewinnen!
Oliver Kahn